Vier Zylinder für ein Harleyluja! Die aufregende und tragische Geschichte der Erfüllung eines Motorradtraums aus Polen. Ein Hardcore-Eigenbau aus dem „Kalten Krieg“.

Nein, dies ist keine Harley-Davidson – nicht einmal annähernd. Ausgenommen einiger weniger Teile, die sich tief im Innern des Motors verbergen. Dafür ist alles, vom Motor bis zum Rahmen, von der Bremsanlage bis zur Verkleidung und den Packtaschen kompletter und totaler Eigenbau.

Unfassbar: Der selbst konstruierte Motor ist ein Konvolut aus Polski-Fiat-Teilen, Harley-Pleueln, einer selbst gefertigten Kurbelwelle und einem selbst gegossenen Kurbelwellengehäuse. Auch die Köpfe goss der Erbauer selbst

Stanislaw Szydelko aus Polen baute über zwölf Jahre an seinem Traum einer Harley-Davidson – und konnte das Ergebnis nicht einmal mehr selbst fahren: Stanislaw starb 1992 kurz vor Vollendung des Bikes. Sein Enkel Tomasz Szydelko vollendete die Arbeiten und ließ das Bike sogar für den Straßenverkehr zu! Dieses Bike ist nicht nur einzigartig in Aufwand und Ausführung – es erzählt polnische Geschichte!

Harley-Eigenbau aus Polen

Im August des Jahres 1979 wird die FLT „Tour Glide“ als erste Serien-Harley mit rahmenfester Verkleidung vorgestellt. Bei Stanislaw hinter dem „Eisernen Vorhang“ jedoch war es nahezu unmöglich, an Informationen über Motorräder westlicher Hersteller zu kommen: Zwischen Polen und der BRD lag ein Land, in dem selbst die Einreise (nicht aber die Durchfahrt!) mit Motorrädern westlicher Bauart strengstens verboten war: die DDR. Was in der Gegenwart kaum nachzuvollziehen ist: In vielen, wenn nicht allen Ostblockstaaten war es unmöglich, auf westliche Zeitschriften, Prospekte, Bilder oder andere Informationsquellen zuzugreifen.

Verkleidung und Koffer sind aus Aluminiumblech gedengelt

Wir wissen nicht, wann und wo Stanislaw Szydelko Bilder der FLT „Tour Glide“ gesehen hat, aber sie haben Eindruck bei ihm hinterlassen; einen so großen Eindruck, dass er sich Anfang 1980 dazu entschied, ein solches Motorrad selbst zu bauen, denn die Aussichten, eine Harley-Davidson FLT (oder sonst irgendeine Harley) jenseits des Eisernen Vorhangs erwerben zu können, war ähnlich unwahrscheinlich, wie mit einem selbst gebauten Raumschiff auf dem Mond zu landen. Unwahrscheinlicher zumindest, als die selbst gestellte Aufgabe, ein komplettes Motorrad quasi aus dem Nichts selbst zu erschaffen. So machte sich Stanislaw ans Werk.

Eine Harley im Eigenbau – nur nach Fotos!

Die Arbeit begann am Herzstück seiner „Polski-Harley“, er hatte die ersten Skizzen des Motors gezeichnet. Irgendwo hatte er sogar einen WLA-Rahmen aufgetrieben, die Militär-Modelle von Harley und Indian waren über das „Lend and Lease“-Abkommen auch an die russische Armee geliefert worden. Stanislaw wusste also recht genau, wie eine alte Harley eigentlich aussah, nur zur FLT fehlten ihm die Details, von Teilen wie Kolben und anderen essenziellen Motorkomponenten ganz zu schweigen.

Tragisch: Der Erbauer hat sein monumentales Werk nie gefahren

Der von Polski-Fiat ab 1972 gebaute 126p „Maluch“ (Kleiner) entspricht in seiner Bedeutung für die Motorisierung Polens dem VW Käfer in Deutschland und dem Trabi in der DDR. Folgerichtig konstruierte Szydelko seinen Motor mit jenen Teilen, von denen er erwartete, dass sie noch über Jahrzehnte verfügbar sein würden. Weil der Polski-Fiat seine mageren 652 Kubikzentimeter Hubraum auf nur zwei Zylinder aufteilt, entschied sich Stanislaw für eine Vierzylinderkonfiguration – und für einen größeren Hub.

Hier ist tatsächlich alles Eigenbau

Folgerichtig sitzen die vier Fiat-Kolben auf Harley-Pleuel und einer selbst gefertigten Kurbelwelle mit NSU-Gegengewichten, die in zwei Rollenlagern und einem Kugellager läuft. Die Kolben laufen in eigens gefertigten Gussstahlbuchsen, verkupfert für eine bessere Wärmeübertragung an die gefrästen Zylinder. Das vierteilige Kurbelgehäuse ist aus Aluminium gegossen und in der Zylindermitte vertikal teilbar. Das Mittelteil zwischen den Zylindern lässt sich zur Montage der Kurbelwelle horizontal teilen. Die Urformen wurden zunächst aus Holz gefertigt, dann in Gussformen umgewandelt und in Aluminium gegossen und bearbeitet.

Unfassbar: Der selbst konstruierte Motor ist ein Konvolut aus Polski-Fiat-Teilen, Harley-Pleueln, einer selbst gefertigten Kurbelwelle und einem selbst gegossenen Kurbelwellengehäuse. Auch die Köpfe goss der Erbauer selbst

Eine besondere Herausforderung stellten die Zylinderköpfe dar: Ein Eigenbau mit hemisphärischen Brennräumen und je zwei Ventilen aus einem polnischen „Star“-Lkw, selbst gebaute Kipphebel und modifizierte Nockenwellen vom Polski-Fiat steuern jeweils die vordere und hintere Nockenwelle, der Antrieb erfolgt auf der rechten Motorseite über eine Zwischenwelle. Der Riemen von der Kurbelwelle zur Zwischenwelle (1:2) stammt vom FSO-Polonez, der Zahnriemen zu den Nocken vom Fiat 132.

Fiat-Teile und ein Eigenbau-Ölkühler

Die Zündanlage stammt ebenfalls vom Polski-Fiat 126p, während die Lichtmaschine dem Vorgänger 125p entnommen wurde. Nach dem Tod von Stanislaw ersetzte der Enkel die beiden MZ-250-Vergaser durch moderne Keihin von Harley-Davidson und verbesserte damit die Beatmung erheblich. Der Motor bringt es auf 1680 Kubikzentimeter und bietet jede Menge Drehmoment aus dem Drehzahlkeller.

Die Räder sehen zwar denen einer Harley ähnlich, sie sind aber selbst gegossen, zweiteilig und deshalb verschraubt

Obwohl das Bike weit über 400 Kilo auf die Waage bringt, kann man auch im zweiten oder dritten Gang anfahren. Das nutzbare Drehzahlband endet bei etwa 5000 U/min. Da das Triebwerk ein absolutes Einzelstück ist, wurde die Leistung nie auf einem Prüfstand gemessen. Weil für die Trockensumpfschmierung des Motors keine passende Ölpumpe verfügbar war, entwickelte Stanislaw einfach seine eigene, inklusive des kompletten Kreislaufs und eines Eigenbau-Ölkühlers aus Kupfer. Kupplung und Primärkette laufen in einem Ölbad, das Getriebe stammt in wesentlichen Teilen aus einem 125p-Getriebe.

Selbst der Motor ist gummigelagert

Nach diesem Vorspiel wird es niemanden verwundern, dass Stanislaw auch Rahmen und alle dazugehörenden Fahrwerkskomponenten selbst entwickelte und baute. Weil das Ergebnis optisch so nah wie möglich an einer Harley-Davidson „Tour Glide“ liegen sollte, ist auch der V4 in Gummi gelagert. Schwinge, Gabel und Rahmen sind komplett selbst gefertigt, selbst bei der Bremsanlage gibt es – ausgenommen dem Bremszylinder zur Betätigung der hinteren Bremszange – Eigenarbeit!

Selbst das Rücklicht fertigte Stanislaw selbst. Es besteht aus zwei runden MZ-Rücklichtern, die kombiniert sind mit Teilen eines Autorücklichts

Ein weiteres Beispiel für den Grad des Einfallsreichtums des Erbauers sind die Räder. Wer denkt, dass hier ein paar Harley-Gussräder aus den früheren Achtzigerjahren ihren Weg nach Breslau gefunden hätten, liegt falsch! Stanislaw zeichnete die Räder nach den Fotos komplett neu – baute eigene Formen und goss vier Radhälften die den Originalrädern zum Verwechseln ähneln, wären da nicht die Verschraubungen. Tatsächlich lassen sich die Räder zum Reifenwechsel in eine rechte und linke Hälfte zerlegen – Stanislaw wollte die Felgen seiner aufwendig selbst gebauten Räder nicht durch Montiereisen beschädigt sehen!

Nach dem Vorbild gehämmert

Nach dem Fahrwerk und den Motor- und Getriebedetails – sämtliche Deckel, Gehäuse und Abdeckungen sind selbstverständlich Eigenbauten – waren nun die Karosserieteile an der Reihe: Tank und Fender wurden aus solidem Stahl, die rahmenfest montierte Verkleidung aus Alu gehämmert. Alles möglichst nahe am Vorbild Harley, aber angepasst an die verfügbaren Komponenten.

Informationsflut auf Polnisch: Gleich sechs Uhren und elf Warnlämpchen verbaute Stanislaw in seinem opulenten Cockpit

Für die Doppelscheinwerfer standen wieder Fiat-Teile Pate, das Rücklicht ist eine Kombination von zwei MZ-Rücklichtern und Teilen eines Autorücklichts. Packtaschen und Topcase sind zwar im Harley-Stil handgehämmert, bestehen aber aus Aluminium und besitzen völlig eigene Schließmechanismen. Auch in der Frontverkleidung sind zwei abschließbare Gepäckfächer eingelassen.

Kein Happy-End … oder doch?

Während Stanislaw Szydelko an den letzten Details seines Eigenbaus arbeitet, fällt die Mauer in Berlin – und plötzlich steht der Weg nach Westen offen: Westliche Zeitschriften, Motorräder, Ersatzteile – alles kein Problem mehr. Die Karosserieteile seines Groß-Tourers sind lackiert und letzte Details angefertigt, alles ist bereit, um die Maschine im Frühjahr 1993 auf die Straße zu bringen, rechtzeitig zum 90. Geburtstag von Harley-Davidson. Da schlägt das Schicksal zu und Stanislaw Szydelko stirbt im Dezember 1992, ohne jemals das Ergebnis seiner zwölfjährigen Arbeit auf der Straße bewegt zu haben.

Enkel Thomasz Szydelko baute das Bike seines Großvaters fertig und erlangte sogar eine legale Straßenzulassung

Ein wenig Happy End hat die Geschichte dennoch: Stanislaws Enkel Thomasz Szydelko begeistert sich für das Projekt und stellt die Maschine nicht nur fertig, sondern bringt sie auch durch die polnische Straßenzulassung. Er ist mit dem aufwendigen Einzelstück bereits mehrere tausend Kilometer gefahren, zu Superrallys, polnischen Events und Messen, wo er die „Polski-Harley“, die sein Großvater fast vollständig in Handarbeit gebaut hat, dem Publikum zeigt.

 

 

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