Die in der Szene wenig geliebte V-Rod war lange Zeit die bessere Harley, das wollte nur keiner zugeben. Sie bollert herzhafter als jeder Twin Cam mit Ausgleichswelle, darüber hinaus bietet sie mehr Druck und Dampf. Vor allem ihr Drehmomentcharakter ist beeindruckend. Aber wie kriegt man eine V-Rod tourentauglich? Mit der rahmenfesten Verkleidung einer Road Glide!

Die besten Ideen sind immer geklaut. Im Jahr 2014 stand auf einem kleinen Bikertreffen im badischen Huttenheim eine sagenhaft tiefgelegte V-Rod mit der Batwing-Verkleidung einer Electra Glide. Das brachte Ex-Kollege Ahlsdorf von der BIKERS NEWS auf weiterführende Gedanken: Wenn eine Batwing-Fairing der V-Rod so gut steht, dann müsste sich mit dem „Häuschen“ einer Road Glide doch auch ein cooler Tourer aus dem schnellen Cruiser machen lassen?

Einmal dran wirkt das Ensemble wie aus einem Guss

Wenig geliebt und doch die bessere Harley

Dahinter steckten weitere Überlegungen: Die in der Szene wenig geliebte V-Rod war lange Zeit die bessere Harley, das wollte nur keiner zugeben. Die V-Rod bollert herzhafter als jeder Twin Cam mit Ausgleichswelle, darüber hinaus bietet sie mehr Druck und Dampf. Vor allem ihr Drehmomentcharakter ist beeindruckend. Sie verfügt über ein sensationelles Drehmomentplateau und ab 3000 Umdrehungen marschiert sie vorwärts wie eine Boden-Boden-Rakete.

Das Fahrverhalten ist tadellos, auch jenseits der 200 km/h

Jagdrevier Autobahn

Das Drehmoment-Top liegt im Bereich zwischen 5000 und 8000 Umdrehungen. Ganz klar, die V-Rod will gequirlt werden. Motorlayout und das Fahrwerk prädestinieren sie zu einem Muscle-Cruiser par excellence. Ihr eigentliches Jagdrevier ist die deutsche Autobahn, da, wo es geradeaus geht und wo keine Geschwindigkeitsbegrenzung gilt. Nur lange hält das keiner durch, fürs weite Strecken ist die V-Rod nicht angelegt. Den Winddruck bei 230 km/h steckt kein noch so gut trainierter Biker weg, und Stauraum für Gepäck bietet der serienmäßige Cruiser schon gar nicht. Dabei muss man wissen: Ahlsdorf hasst Kurven, Schräglagen sind nicht sein Ding. Er legt aber immer wieder lange Strecken auf der Autobahn zurück. Deshalb wollte er genau das: eine V-Rod mit Road Glide-Verkleidung. Er wollte eine Road Rod!

Mit Koffern ordentlich breit, trotzdem optisch durchaus lecker

Eine Road Rod muss her!

Mit einer der letzten V-Rods aus dem Pressefuhrpark von Harley-Davidson Germany und einem langen Gespräch mit Stephan Beringer von Vertrtagshändler H-D Bergstraße in Bensheim fing es an. Beringer zeigte sich begeistert. Er hatte es schon immer bedauert, dass niemand in der Company den Mut fand, so ein Projekt mit diesem Motor anzugehen. Schon im Jahr 2012 hatte Beringer in Denver einen V-Rod Tourer-Umbau von Cycle Visons bewundert. Und da kreuzte Ahlsdorf ein paar Jahre später mit der gleichen Idee auf.

Mission possible: Jetzt kann Ahlsdorf losdüsen

Endlich kann’s losgehen

Ein paar Verzögerungen waren dem Projekt in die Wiege gelegt, denn die V-Rod fand erst im Januar ihren Weg in die Hallen der Niederlassung Bergstraße. Die ursprünglich anvisierte Fertigstellung zum 30. März verzögerte sich immer wieder um Wochen, weil Teile aus den USA nicht kamen und weil für die Koffer ein kompletter Halterungskäfig zusammengeschweißt werden musste. Nach sechs Wochen aber rollte die Road Rod endlich aus dem Hangar. Wie würde sie auf dem Highway bestehen? Der Highway ist in Deutschland eine Autobahn, auf der Hälfte ihres Streckennetzes sogar immer noch ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Eines war klar: Die auf dem Papier angegebenen 230 km/h Höchstgeschwindigkeit würde Ahlsdorf voll ausreizen.

Kein Bezug zu Harley, HD steht hier für Heidelberg. Den Ahlsdorf freut´s trotzdem

Es bleibt spannend

Weil in Deutschland noch niemand dieses Projekt in Angriff genommen hat, blieb es bis zum Schluss spannend. Zu unwägbar sind die aufeinander wirkenden Faktoren wie Fahrwerksgeometrie, Fahrwerksabstimmung und die aerodynamischen Komponenten. Schon ein Satz Koffer kann dem ganzen Motorrad ein völlig anderes Fahrverhalten geben, obendrein ist es nicht egal, ob die Koffer beladen sind oder nicht. Selbst die K 1600, der eigentlich perfekte Sechszylinder-Übertourer von BMW, kann mit einem untergewichtigen Fahrer und einem leeren Topcase bei 180 Sachen ins Schlingern kommen.

So bekommt man eine V-Rod tourentauglich: mit der rahmenfesten Verkleidung einer Road Glide!

Bretthart auf Spur

Doch die Spannung löste sich auf den ersten Kilometern durch langsames Herantasten an die Höchstgeschwindigkeit. Die Road Rod hielt bretthart ihre Spur ein, kein Schlingern, kein Pendeln. Selbst im turbulenten Windschatten von schnellen Autos gab sie sich lammfromm. Das war die Nagelprobe, denn das größte Problem sind auf unseren überfüllten Autobahnen die Verwirbelungen hinter vorausfahrenden Fahrzeugen. Sie machen vor allem Motorrädern zu schaffen, deren Verkleidungen am Lenker montiert sind. Typisch im Fall von E-Glides, deren Lenker hinter einem Lastwagen flattern und die Fuhre ins Schlingern bringen. Anders im Fall dieser Road Glide-Verkleidung aus der vorletzten Generation der Jahre 1998 bis 2013. Weil sie fest mit dem Rahmen verschraubt ist, finden Verwirbelungen keinen Hebel zum Zupacken.

Einmal dran wirkt das Ensemble wie aus einem Guss

Und es war Frieden

Bemerkenswert auch der Frieden hinter der Verkleidung. Ältere Fairings verdarben ihren Fahrern oft die Laune, weil die Verwirbelungen hinter der Scheibe den Helm des Fahrers beutelten und prügelten. Sie sind an der Road Rod zwar nicht vollends eliminiert, aber sehr erträglich und nur bei offenem Helm zu spüren.

Es bleibt weiterhin Arbeit

Die V-Rod muss man lieben, um einen Tourer auf ihrer Basis zu verstehen. Der hintere Reifen bleibt 240 Millimeter breit, und so ist es weiterhin Arbeit, sie in die Schräglage zu hebeln. Auch das Anpeilen von Bordsteinkanten ist eine Herausforderung. Schräg angefahren bleibt die Kontaktaufnahme zwischen Reifen und Kante immer eine Überraschung.

Ein 240er Schlappen hinten bleibt – was soll´s, Ahlsdorf fährt gerne gradeaus

Vieles ist anders

Auch an den geänderten Wendekreis muss man sich gewöhnen. Der ist jetzt größer, weil der Lenkkopfanschlag wegen der Verkleidung verengt werden musste. An der Verkleidung liegt es auch, dass Ahlsdorfs V-Rod-Tourer, der in der Basis eine „Muscle“ war, nun mit dem Lenker einer „Night Rod“ bestückt ist. Und in jedem Fall sinnvoll sind Floorboards, also Trittbretter statt Fußrasten. Lange Fahrten werden damit bequemer.

Bleibt noch das Feintuning

Feintuning? Klar, ein Einzelstück erfordert das immer, aber es geht auch ohne. Die Koffer kommen von regulären E-Glides, deren Aussparungen für die Federbeine natürlich an einer völlig anderen Stelle liegen als sie für die V-Rod erforderlich wären. Ahlsdorf Road Rod baut hinten deshalb etwas breit, was aber andererseits das wuchtige Frontend optisch etwas ausgleicht. Überhaupt ist die Heckansicht der Programmpunkt für die nächste Schraubersaison.

 

Info | harley-davidson-bergstrasse.de