Bei wenigen Custombikes erkennt man so schnell, wer sie gebaut hat. Auch diese Harley-Davidson Fat Boy bildet keine Ausnahme. Winston Yeh aus Taiwans Hauptstadt Taipeh hat in den letzten anderthalb Jahrzehnten unter seinem Label „Rough Crafts“ einen charakteristischen Stil entwickelt, der absolut unverwechselbar ist.

Rough-Craft-Motorräder sind immer über die Maßen pechschwarz, wirken immer ein bisschen böse, in der Optik schwingt immer ein bisschen „Retro“ mit und die technischen Komponenten sind stets vom Feinsten. Mit seiner „Mighty Guerilla“ (-> DREAM-MACHINES 06-21), einem Bike auf Basis einer 2018er Milwaukee-Eight-Fat Bob, ging er erstmals in Richtung fetter Ballon­reifen, was bei seiner Fan-Gemeinde einschlug wie eine Bombe. Nicht umsonst stand jüngst ein Kunde in seinem Shop, der ein ähnliches Begehr äußerte.  

Harley-Davidson Fat Boy – Breit ist nicht gleich fett 

„Ballonreifen-Harleys, die Retro-Linien mit modernen Oberflächen kombinieren, sind etwas, das die Leute an uns lieben“, sagt er uns. „Als wir dem Kunden ein paar unserer früheren Umbauten zeigten, einige mit oldschooligen Speichenrädern, andere mit moderneren Billet-Rädern und erstklassigen Bremsen und Federelementen, drehte sich das Gespräch schnell darum, wie cool es wäre, wenn man diese beiden so verschiedenen Stile kombinieren könnte.“ Hierzu muss man erklären, dass fette und breite Reifen nicht das Gleiche sind. Ein fetter, ballonartiger Reifen braucht Bauhöhe, also viel Seitenwand, um einen bulligen Look zu erzeugen. Dagegen haben sehr breite Reifen (Niederquerschnittsreifen) oftmals so niedrige ­Seitenflanken, dass kaum noch Platz auf ihnen ist, um die vorgeschriebenen Kenndaten des Reifen darauf unterzubringen.

Rough-Crafts-Gründer Winston Yeh ist seit gut 15 Jahren international in der Custom-Szene unterwegs und hat dabei längst seinen eigenen unverwechselbaren Stil gefunden

Für dieses Projekt namens „Noctural Unicorn“ bestand Winstons erster Schritt darin, der ohnehin schon massig wirkenden Fat Boy einen neuen Radsatz zu verpassen. Seine Wahl fiel für vorne auf eine 5.00 x 16 Zoll-Felge von Roland Sands, hinten wuchert ein ­sieben Zoll breites Scheibenrad aus dem Hause Harley-Davidson mit 15 Zoll Durchmesser. Die passenden Ballon-Gummis fand er bei Metzeler und Avon, hinten überträgt die altbekannte Retro-Pusche AM 21 das Drehmoment des Milwaukee-Eight-Motors auf die Straße. Das Lastenheft seitens des Kunden beinhaltete auch edlere Federelemente, was den Erbauer zu seiner Lieblingsmarke greifen ließ: Öhlins. Das Vorderrad wird von einer satten Upside-Down-Gabel geführt, die durch einen Satz speziell angefertigter Gabelbrücken breiter gemacht wurde.

Aus stilistischen Gründen keine Doppelscheiben am Vorderrad

Auch am Heck sorgt ein ­Federbein von Öhlins für Komfort und beste Straßenlage. Was die Bremsen angeht, wurde es sehr speziell. Weil der erfahrene Bike-Builder sich aus stilistischen Gründen gegen Doppelscheiben am Vorderrad entschied, musste eine andere Lösung her. Also entwarf und fertigte Winston spezielle Halter, die es ermöglichen, gleich zwei Vier­kolben-Bremssättel vorne auf der linken Seite zu montieren. Müßig zu erwähnen ist, dass nicht irgendwelche Sättel zum Einsatz kommen, sondern allerfeinste Ware vom französischen Bremsen-Guru Beringer. Indes, die Scheiben stammen von Roland Sands.

Winston legt Wert auf gute Fahrbarkeit, weshalb er auch bei diesem Fat-Boy-Umbau auf ein Öhlins-Fahrwerk setzt

Die Tankflanken von Rough Crafts sind so gut wie immer dreidimensional gestaltet und tragen oft aus Metall gegossene 3-D-EmblemeDie sogenannten Lackteile wirken eher einfach, sind aber dennoch Einzelstücke. Der Tank basiert zwar auf einem Original von Harley-Davidson, ist aber verschmälert worden. Das hatte Folgen, denn nun gab es für den Tacho, der normalerweise in einem Dashbord auf dem Tank thront, auf dem schmaleren Tank keinen Platz mehr. Folgerichtig montierte der geschmackssichere ­Customizer die Instrumenteneinheit einer Street Bob, die sich mit einem Platz im hauseigenen oberen Lenkerhalter ­begnügt. Übrigens: Das kurze Heck stammt ehedem aus dem hessischen Borken. In dem modifizierten Fender von Kodlin ist jetzt neben den Rückleuchten auch noch andere Elektronik untergebracht. 

Harley-Davidson Fat Boy – Scheinwerfer hinter Gittern

Ein klares Markenzeichen der Firma ist auch der Scheinwerfer hinter Gittern, ein sinistres Stilelelement, das inzwischen weltweit fleißig Nachahmer findet. Garniert ist das alles mit Motordeckeln von Rough Crafts und Arlen Ness, aber auch leckere Teile, wie etwa die Fußrastenanlage von Performance Machine oder ­Lenkerarmaturen von Rebuffini, bezeugen, dass der Mann aus Taipeh durch und durch international aufgestellt ist. Bleibt am Ende nur zu hoffen, dass die Chinesen die Finger von Taiwan lassen, sonst bliebe dem freigeistigen Winston wohl kaum eine andere Wahl, als seine Heimat zu verlassen. Das wollen wir ihm nicht wünschen! 

Info | roughcrafts.com