So manches Mal kommt man zu einem Bike-Fotoshooting wie die Jungfrau zum Kind. Wie im Fall dieser „XR“ 1200.

Es war an einem ganz normalen Mittwochabend Mitte März. Der Ort: Clearwater, Ortsteil Pinellas Park in Florida. Wie an jedem Mittwochabend fand rund ums Restaurant „Quaker Steak & Lube“ das wöchentliche Motorradtreffen statt. Ab 18 Uhr trudelten die ersten Biker ein, die Mehrzahl ging einen Happen essen. Es gibt American Food dort, very american. Gegen sieben Uhr abends war der Parkplatz wie gewohnt gut gefüllt. So auch an diesem fraglichen Abend. Der Autor dieser Zeilen schritt immer mal wieder die Reihen der geparkten Bikes ab, um vielleicht etwas Außergewöhnliches aufzuspüren. Doch an diesem Abend war wenig Rares vor Ort.

Die Harley-Davidson XR 1200 Street Tracker ist fit für’s Fotoshooting

Eine Stunde und zwei Bier später entschloss ich, abzubrechen und ins Hotel zu fahren. Und just lief ich auf dem Weg zum Auto an der hier gezeigten XR-Variante vorbei. Zum Glück standen ein paar Leute in der Nähe des Motorrads und auf die Frage, ob jemand den Fahrer der XR kenne, gab’s ein Handzeichen nach oben. Ralph Metcalf war einer der Leute in der Gruppe, und er gab sich als Erbauer und Besitzer zu erkennen.

Mit Eigeninitiative und den nötigen Parts aus dem Zubehör kann aus einer stinknormalen XL ein hübscher XR-Verschnitt entstehen

Fünf Minuten später – es war längst stockfinster – war ein Fotoshooting für den nächsten Tag ausgemacht, drüben in Tampa, auf der anderen Seite der Bucht. Ralph Metcalf gab mir seine Adresse und merkte verschmitzt an, er hätte da noch einige leckere Zweiräder mehr in seiner Garage stehen.

Noch mehr Bikes …

Pünktlich am nächsten Vormittag war ich zur Stelle und Ralph führte mich in seinen „Spielhäuschen“, eine große Dreifachgarage hinten im Garten, in der neben modernerem sportlichem Japaner-Gerät auch noch ein One-of-a-kind-Roadster mit aufgebohrtem XS-650-Yamaha-Motor und Spezial-Chassis stand. Die kann demnächst in unserem Schwestermagazin ROADSTER bewundert werden.

Ralph verlegte die Kurbelgehäuseentlüftung in Racebike-Manier weit nach hinten. Das Rücklicht mit dem „Blue Dot“ ist nicht überall in den Staaten legal

Zurück zur Harley: Basis seines Harley-Davidson Street Trackers war eine 1988er XLH. Doch bis auf das leicht gecleante Rohrwerk und die Hülle der Gabel blieb nichts unangetastet. Die Aluminium-Räder stammen von Sun Rims in Kalifornien. Ralph stellte zwecks quickeren Handlings auf 18-Zöller um. Die Federlemente wurden optimiert, die Gabelinnereien ausgetauscht, am Heck federn jetzt einstellbare Stoßdämpfer von Works Performance. Gebremst wird vorne mit Material von Performance Machine, die hintere Zange und beide  Hauptbremszylinder stammen von Grimeca.

Der Motor konnte so bleiben

Was den Motor angeht, griff Ralph nicht sonderlich tief ein. Die schärferen Nockenwellen hat Screamin’ Eagle im Programm, der S&S Super E mit durchflussförderndem K&N-Filter reicht vollkommen für den 1200er Motor und das Ausatmen besorgt eine hochgelegte 2-in-2-Anlage von Supertrapp. Kleiner Gag am Rande: Das Schaltschema des ansonsten serienmäßigen Vierganggetriebes wurde umgedreht, der erste Gang ist jetzt – wie heutzutage gewohnt – unten, die drei anderen Gänge oben. Damals lieferte Harley das anders herum.

Gebremst wird hinten mit Grimeca

Tank und Sitzbank sind XR-Klassiker, die kann man, wie die Fußrastenanlage, beim XR-Pabst Storz bestellen. Auf solch profanes Gelumpe wie Instrumente hat Ralph komplett verzichtet; das darf er, die sind nämlich in Florida nicht zwingend gefordert. Lediglich zwei kleine LED-Lämpchen hat er bündig in die obere Gabelbrücke eingelassen, ein rotes für den Öldruck, ein grünes für den Leerlauf. Ach ja, das Rücklichtglas ist mit einem sogenannten Blue Dot versehen, ein Stilelelement aus den frühen Hot-Rod-Zeiten der 40er und 50er Jahre. In manchen Staaten der USA ist der Blue Dot strengstens verboten, im Sunshine-State aber, wie so vieles, geduldet.

Die Harley-Davidson XR 1200 als uriger „daily-driver“

Ralphs XR zeigt, wie urig und gleichzeitig knackig eine 28 Jahre alte Sportster-Möhre mithilfe einiger weniger, aber gezielter Umbauten ins Jetzt gebeamt werden kann. Übrigens: Ralph fährt das Teil fast täglich. Das nötige Wetter haben die in der Tampa-Bay ja dafür.      

 

www.dream-machines.de