Der Pokal „Bester Powercruiser“ ging auf der letzten CUSTOMBIKE-Show vor der Corona-Pandemie verdientermaßen an die unglaublich gut gemachte Harley-Davidson V-Rod der Freiberger Custom-Schmiede „Extremebikes“.

Es ist schon erstaunlich, welch krassen Niedergang die Harley-Davidson V-Rod hinter sich hat. Im Sommer 2001 für das Modelljahr 2002 gelauncht, wurde die Modellfamilie der VRSC’s nie wirklich geliebt in Milwaukee, was wohl daran lag, dass die V-Rods im Mutterland USA beim Publikum überhaupt nicht gut ankamen. Den 60-Grad-Motor mit Wasserkühlung lehnte die Mehrzahl der eingefleischten Harley-Fahrer strikt ab, und die Leistung von anfangs 117, später dann 125 PS, konnte auch keinen Cowboy hinterm Ofen hervorlocken; wie sollte das auch gehen in einem Land, in dem das höchste der Speed-Gefühle bei 75 Meilen pro Stunde liegt.

Anders als im Mutterland hatte man hierzulande nichts gegen eine schnelle Harley

Tempolimit? Fehlanzeige!

In Deutschland sah das anders aus. Im Land der schnellen Autos, man denke an Audi, BMW, Mercedes oder Porsche, liebt man Geschwindigkeit. Nicht ohne Grund ist Deutschland das einzige Land auf der Welt, in dem auf fast 70 Prozent der Autobahnen noch kein Tempolimit besteht. Warum bloß sollte man also hierzulande etwas gegen eine schnelle Harley haben? Und das hatte man dann auch nicht und so gedieh die Bundesrepublik zum erfolgreichsten Einzelmarkt für Harleys Powercruiser.

Ein Exemplar des Modelljahrs 2008 haben sich die Leute von Extremebikes vorgeknöpft. Eine gute Wahl, denn just zu diesem Modelljahr pushte Harley sowohl den Hubraum als auch die Motorleistung seines potentesten Motorrads. Der Hubraum stieg mittels größerer Bohrung von 1131 auf 1246 Kubikzentimeter, die Leistung stieg, wie oben schon erwähnt, von 117 auf 125 Pferde. Auch das Drehmoment machte eine Satz nach oben, statt ehedem 105 konnte sich der Fahrer eines Modells ab 2008 über 115 Newtonmeter freuen, was eine spürbare, in der Praxis erfahrbare Verbesserung darstellte.

Bloß weg von der weichgespülten V-Rod Optik!

Für seinen Umbau ließ sich Etienne Gerau, Chef von Extremebikes in Freiberg/Sachsen, von der Designstudie „Egoista“ inspirieren, die Lamborghini anlässlich des 50 Firmenjubiläums von Automobili Lamborghini im Jahr 2013 vorstellte. Wichtig für Etienne war, wegzukommen von der harmlos-rundlichen Weichgespültheit der serienmäßigen V-Rod-Optik. „Kantig und extravagant, das war diese Designstudie, und so sollte auch unsere V-Rod werden.“ Und weil es das, was Etienne vorschwebte, nicht für Geld und gute Worte zu kaufen gibt, blieb dem Mann aus der traditionsreichen Bergbaustadt nichts anderes übrig, als das Allermeiste selbst zu bauen.

Denn Hauptrahmen beließ er zwar serienmäßig, aber der Heckbereich wurde neu gestaltet. Da eine exponierte Underseat-Auspuffanlage geplant war, musste aus unzähligen Einzelteilen eine komplett neue Krümmeranlage entstehen, die die Abgase unter den Sitz führt und dort in den Endtopf einer Honda Fireblade mündet.

Die Räder stammen von einer Muscle, die Hinterradfelge wurde heftig verbreitert

Nicht für Geld und gute Worte

Bei der Gestaltung des Monocoque hatte Etienne freie Hand, denn auf einen konventionellen Tank hinterm Lenkkopf musste er keine Rücksicht nehmen, schließlich sitzt der Spritbehälter bei allen V-Rods hinten unter der Sitzbank. Die Form des Monocoque entstand ganz handwerklich und bodenständig durch Modellierung von Hartschaum und Modellierton, am Schluss stand die Umsetzung eines Abzugs in GfK. Auf gleiche Weise entstand die Lampenmaske und der Bugspoiler.

Bei den Rädern griff Etienne zu denen der V-Rod Muscle, jenem Modell der VRSC-Familie, das zum Modelljahr 2009 erschien und noch am maskulinsten von allen wirkte. Das Hinterrad wurde allerdings mächtig breit, um eine 300er Heckschluffe tragen zu können.

Monocoque par excellence: geht, weil Tank unterm Sitz

Mit Lachgas zu mehr Dampf

Zum Schluss noch was zum Motor. An dessen Innereien haben die Sachsen zwar nichts geändert, aber Extremebikes trüge seinen Firmennamen zu Unrecht, hätten die Jungs nicht an irgendeinem Leistungsrad gedreht. Eine Lachgas-Einspritzung sorgt bei Bedarf für deutlich mehr Dampf, beeindruckende 163 PS drückt der 60-Grad-V-Motor dann ab.

Gebogene Lenkerstummel an gefrästen LSL-Schellen

 

Kontakt | www.extremebikes.de