Als Nikola Adamovic aus Stockholm anfing, Pläne für sein neues Bike auf Basis einer Harley-Davidson Panhead zu machen, schwebte ihm ein bequemer Chopper vor, mit dem er lange Strecken fahren konnte. Und ein paar abgefahrene Details, wie etwa der exotische Speed-E-Shifter, sollten auch dran verbaut sein. 

Dazu muss man wissen, dass Nikola 1,94 Meter groß ist. Und nicht nur das. Nikola hat auch ein Sommerhäuschen am größten Binnensee Schwedens, und dahin fährt er, sooft es geht. Am liebsten mit dem Motorrad. So erklärt sich sein Wunsch nach einem komfortablen Chopper.

Ziel war, einen bequemen Chopper zu bauen, mit dem Nikola problemlos zu seinem Sommerhaus reisen kann. Vom Ergebnis ist der Stockholmer überzeugt

Dort, in seiner zweiten Heimat Karlstad, lernte er den Deutschen Silvio Kühnast kennen, einen in Wittenberg geborenen Bikebuilder und begnadeten Metallbearbeiter, der wegen des kruden deutschen Kfz-Zulassungsrechts 2008 nach Schweden auswanderte.

Harley-Davidson Panhead-Rahmen – leicht krumm

Nikola beschrieb Silvio seine Vorstellung von dem neuen Chopper und der versprach ihm, bei der Umsetzung mitzuhelfen. Er kaufte einen alten Panhead-Rahmen, dessen Downtubes von einem Unfall etwas krumm waren. Das jedoch machte gar nichts, denn sein Traum-Chopper sollte eh ganz speziell geformte Downtubes tragen. Dass die jetzt ausgerechnet den gezackten SS-Runen der Nazis ein wenig ähnlich sehen, ist reiner Zufall. Nikola dachte eher an das Logo der Metal-Band Kiss. „Bin mal gespannt, wann mich der Erste darauf anspricht, aber bis jetzt blieb alles ruhig. Aber wenn ich eines nicht bin, dann ein Neo-Nazi“, versichert der Stockholmer.

Mit dem kleinen Hebel vorm linken Griff kann die Laufrichtung des Speed-E-Shifters umgekehrt werden

Das zweite Gimmick an dem Bike sind die beiden viereckig ausgeführten Auspuffrohre. Der absolute technische Overkill aber ist der links neben den Zylindern verbaute Speed-E-Shifter. Doch um dieses technische Kabinettstückchen zu erklären, muss etwas weiter ausgeholt werden: Erfunden und patentiert wurde der Speed-E-Shifter von einem gewissen George A. Tatge aus San Gabriel / Kalifornien.

Speed-E-Shifter

Das war Ende der 40er, also zu einem Zeitpunkt, als die Harley-Big-Twins noch Fußkupplung hatten und der Handschalthebel links neben dem Tank saß. Schnelle Gangwechsel waren mit dieser Konstellation nicht möglich, was Herrn Tatge auf den Plan rief. Nicht nur die Dragster-Fahrer wollten schneller schalten können, auch die Jungs in der Vorstadt hatten beim Ampelduell die besseren Karten, wenn sie einen Speed-E-Shifter montiert hatten. Erst 1952 kamen Harleys serienmäßig mit Fußschalthebel, ab dann war Tatges patente und patentierte Mechanik schon wieder überflüssig.

Wenn die komplexe Mechanik richtig eingestellt ist, funktioniert Nicky Svenssons „Nick“-E-Shifter tadellos

Bei dem komplexen Gerät handelt es sich um eine rein mechanische Einheit aus etlichen Einzelteilen, mit der so etwas wie ein halbautomatischer Schaltvorgang möglich ist. Die Kernkomponenten bilden zwei Platten, an deren abgeschrägten Flanken jeweils stufenförmig angeordnete Langlöcher mit Halbkreis-Enden eingefräst sind. Treffen die beiden Platten zusammen, bilden die Halbkreise jeweils vollkommene Löcher, in denen die an dieser Stelle um 90° abgekröpfte Schaltstange geführt wird. Drückt man den Fußhebel runter, wird über eine doppelt wirkende Hebelei automatisch die Kupplung ausgerückt und die Schaltstange fällt in das nächste Kulissenloch, der nächste Gang wird eingelegt.

Semi-Automatic … Ride all day

Alle Gänge hochschalten oder alle Gänge runterschalten – das geschah immer durch die gleiche Bewegung, nämlich einen Tritt von oben auf den Fußhebel. Umkehren lässt sich der Lauf der Mechanik durch die Betätigung eines kleinen Hebels am Lenker, der mittels Seilzugbefehl die „Laufrichtung“ des Schalthebels in der Kulisse umdreht; so wird zurückgeschaltet. Erfinder Tatge bewarb seine „Semi-Automatic“ damals in einschlägigen Biker-Magazinen. Recherchen ergaben, dass er für das komplett anbaufertige System 45 US-Dollar plus Versand verlangte. In der damaligen Presse schrieb ein Kollege: With one of these, you can ride all day with one hand and drink a beer with the other …“.

Eine Erfindung aus den 40er Jahren, der Speed-E-Shifter, macht diese Pan so besonders

Wer heute ein solches Original von Tatge möchte, muss allerdings eine höhere vierstellige Summe hinblättern, kürzlich ging ein Original an einen Liebhaber aus Japan, für schlanke 6.000 Dollar. Der an Nikolas Panhead verbaute Speed-E-Shifter ist eine Replika, die von einem gewissen Nicky Svensson stammt. Der hat es sich zur Aufgabe gemacht, hundertprozentige Nachbauten der komplexen Shifter-Mechanik zu bauen. Er besorgte sich die originalen Blaupausen von Tatges Patentschrift und baute fein säuberlich die komplette Mechanik nach. Und da sein „Nick-E-Shift“ getauftes Konstrukt funktioniert, hat er gleich mal zwei Hände voll von den Dingern hergestellt.

Harley-Davidson Panhead und der Trannybuster

Nach Nikola kaufte übrigens ein gewisser Jesse James ein Exemplar von Nicky. „Ich habe auf meiner eigenen Pan schon problemlose 5000 Kilometer mit dem Shifter zurückgelegt“, so Nicky, „einzige wichtige Voraussetzung ist: Die Mechanik muss zu hundert Prozent genau eingestellt sein. Sonst gibt’s ganz schnell mal Zahnradsalat im Getriebe“, berichtet der Schwede. Das glauben wir gerne. Nicht umsonst wurde Tatges Wunderding schon damals von misstrauischen oder übervorsichtigen Zeitgenossen als „Trannybuster“ (Antriebsstrangzerstörer) bezeichnet.

Zeitgenössische Anzeige der kultigen Erfindung. Originale Exemplare werden heute sündteuer gehandelt

Doch obergeil ist das Gerät trotzdem. Solange es tadellos funktioniert. Wer die Mechanik in Action erleben will, googelt den Begriff Speed-E-Shift und klickt auf Videos. Das YouTube-Filmchen „Speed-E-Shift Dragracing Prototype“ zeigt, wie die Mechanik arbeitet. Real crazy shit, man!