Jeroen ist seit mehr als fünfundzwanzig Jahren bekennender Harley-Fanatiker. Der Motorradmechaniker hat beruflich mit Custombikes zu tun und ist somit ganz nah am Feuer, wie er sagt. Sein Motto lautet »Go« statt »Show«, was man gut an seinem Bike sehen kann. Und er steht auf Hightech-Dragstyle

Ein kraftvolles Erscheinungsbild, kompakte Linien und hochwertige Teile, das ist es, was Jeroen mag. »Ich bin in der Shovelhead-Ära aufgewachsen, denn vor fünfundzwanzig Jahren waren hier nicht so viele Evo-Harleys unterwegs, die inzwischen als Oldtimer bezeichnet werden. Seit damals habe ich mit Harleys zu tun. Kaufen und verkaufen, das gefällt mir. Außerdem arbeite ich als Mechaniker in der Custombike-Schmiede »Wing Palace«.

»Ich bin in der Shovelhead-Ära aufgewachsen, denn vor fünfundzwanzig Jahren waren hier nicht so viele Evo-Harleys unterwegs, die inzwischen ja als Oldtimer bezeichnet werden«

In Bezug auf seinen eigenen Geschmack lassen sich die 90er Jahre nicht verleugnen. »Mir gefällt der technisch aussehende Stil, wie ihn Arlen Ness populär gemacht hat, obwohl ich die amerikanische Art, alles auf die Spitze zu treiben, nicht so mag. Ich bevorzuge Einfachheit. Leider ist der Dragstyle heute etwas in Vergessenheit geraten, doch ich hoffe, dass er wieder in Mode kommt und der Bobber nicht mehr die erste Geige spielt«, so Jeroen.

Ausgangspunkt war ein flacher und technischer Dragstyle

Das Motorrad, das er nun umgebaut hat, ist übrigens seit Beginn seiner Harley-Karriere in seinem Besitz. »Die Shovel FX-S habe ich 1979 gekauft. Sie war eines der ersten Low-Rider-Modelle, wunderschön und im Originalzustand. Nachdem ich sie zwanzig Jahre gefahren hatte, entschied ich aber, dass nun der Trennschleifer angesetzt werden muss. Der Ausgangspunkt war ein flacher und technischer Dragstyle. Das Bike sollte einen tiefen Sitz haben, weshalb der Rahmen modifiziert werden musste. Außerdem habe ich aus zwei Rohren mit demselben Durchmesser wie die Rahmenrohre eine neue Schwinge konstruiert.«

Gleichzeitig bekam der V2 ein kleines Upgrade mit neuer Nockenwelle, Kipphebeln und anderen Rockerboxen

Zudem wollte Jeroen die alte Harley vor allem hinsichtlich des Fahr- und Bremsverhaltens aufrüsten. Am Frontend montiert er die Teleskopgabel einer alten Honda Fire-blade. »Das ist die dickste, konventionelle Gabel, die ich finden konnte, und sie passt zum 90er-Jahre-Stil. Allerdings habe ich sie rund sechs Zentimeter gekürzt.«

Öltank, Sitz, Gabelbrücken – alles Eigenbau

Die Gussfelgen ersetzt er durch Speichenräder. Die Vorderradnabe ist eine Harley-Kopie, um den breiteren Felgenring des 21-Zoll-Rades aufzunehmen, das Hinterrad stammt von einer Street Bob. Viele Teile fertigt Jeroen übrigens von Hand. Öltank, Alcantara-Sitz und Gabelbrücken werden im Haus hergestellt. Ein gestretchter Tank aus dem Zubehör wird modifiziert und angepasst, sodass er eng über dem Motor anliegt. Den Heckfender schweißt er aus drei Einzelteilen zusammen und verschleift sie, bis das Stückwerk nicht mehr zu erkennen ist. Dank kürzerer und härterer Stoßdämpfer, die eine V-Rod spendet, schmiegt sich der neue Fender passgenau an den Hinterreifen. Überhaupt glänzt das Bike mit unzähligen Details, egal, wohin man blickt. »Anstatt einen Teilekatalog zu nehmen, mache ich die Dinge lieber selbst. Fuck Stock!«, gibt Jeroen lachend Einblick in seine Arbeitsweise.

Der Eigenbau-Heckfender liegt sanft und passgenau über dem Hinterrad

Dabei setzt er mitunter auch auf Japan-Teile wie zum Beispiel die vorderen Bremssättel. Diese sind von Nissin und werden aus optischen und ästhetischen Gründen maschinell flach gefräst. Auch am Lenker geht es kompromisslos zur Sache, werden Kabel und Züge innen verlegt, um einen cleanen Look zu erreichen.

Mit Details den Umbau auf höchste Niveau heben

Auf einen Elektrostarter verzichtet Jeroen bewusst: »Das gibt dem Motorrad Eier«, lacht er. Dafür entnimmt er die gesamte Startereinheit und bearbeitet die Primärabdeckung. Dinge wegzulassen ist für ihn eine Kunst, eine größere noch, als etwas anzubauen. Für Jeroen sind es die Details, die ein Bike auf ein höheres Niveau heben. Auch am Auspuff macht er keine halben Sachen. »Der ist immer am schwierigsten zu entwerfen und herzustellen. Ich wollte wirklich so eine Art Spaghetti-Manifold mit einem Sammler auf der Vorderseite, also eine Abgasanlage, die kompliziert und auffällig aussieht, gleichzeitig aber sehr rassig wirkt.«

Jeroen bevorzugt Einfachheit, was sich auch in seinem Bike widerspiegelt

Der Motor ist übrigens eine Geschichte für sich, denn ursprünglich war ein Shovelhead-Motor samt Stroker-Kit und mit rund 1600 Kubikzentimeter Hubraum verbaut. Doch manchmal laufen die Dinge nicht wie geplant. »Vor ein paar Wochen ist mir während der Fahrt der Motor hochgegangen. Eigentlich wollte ich ihn wieder herrichten, doch dann habe ich mich für einen Evo entschieden. Die Dinger gehen niemals kaputt und sind das Beste, was Harley-Davidson jemals gebaut hat.« Also verbrachte Jeroen seine Zeit damit, den Evolution-Motor in den Shovel-Rahmen einzupassen. Und weil Serie für ihn nicht in Frage kommt, verpasste er dem V2 neue Nockenwellen, Kipphebel und leicht abgerundete Rockerboxen.

Erinnerung an den alten Shovelhead-Motor

»Zwar ist das Logo mit den 97 Kubikzoll auf dem Öltank nun nicht mehr korrekt, aber für mich ist es eine schöne Erinnerung an den Shovelhead-Motor. Und ich hoffe, dass die Leute den fast vergessenen Dragstyle irgendwann wieder aufgreifen und seinen Charme erkennen. Dieses Bike fährt sich großartig, es bremst toll und die Geometrie passt einfach. Ich denke, diese Harley ist nun komplett.«

Der Öltank ist ein handgefertigter »Horseshoe«