Kickstarter sind „Oldschool“ und daher voll im Trend. Wir haben ein altes Harley Kicker-System mit neuer Technik überarbeitet. Das funktioniert bei Evo und Twin Cam mit Fünfganggetriebe – auch zum Nachrüsten.
„Äfach es Knöpsche drücke, un schonn lääft de Modor!“ Verkäufer priesen die neue Errungenschaft den Kunden an, die doch froh sein sollten, dass es ihnen jetzt so leicht gemacht wurde. Seit 1965 gab es für Harley-Davidson Big Twins einen elektrischen Anlasser, die Sportster-Gemeinde wurde erst zwei Jahre später bedient. Die stets konservative Kundschaft nahm es wohlwollend zur Kenntnis.
Respekt verdient, wer das Start-Zeremoniell verletzungsfrei beherrscht
Aber auf die neue Technik gänzlich vertrauen wollte niemand so recht. Der Kickstarter blieb lange Zeit zumindest optional erhältlich, schließlich war es ja eine besondere Zeremonie, eine Harley anzukicken. Mit dem gewissen Know How hatte dabei ein Fahrer den Kickstarterhebel nach unten zu wuchten, dadurch Kurbelwelle und Kolben in Bewegung zu bringen.

War der Tritt nicht energisch genug, konnte es passieren, dass der schon vor dem oberen Totpunkt einsetzende Zündvorgang den Kolben wieder zurückdrückte und der Kickstarter dann gnadenlos zurückschlug. Respekt verdienten alle, die das Start-Zeremoniell verletzungsfrei beherrschten.
Doch Technik ist in ständigem Wandel: Wer sich Anfang der 80er Jahre eine neue Harley leisten konnte, der wollte sein Motorrad nicht mehr antreten müssen – lieber einfach nur das Knöpfchen drücken!
„Mit der Harley fort, mit dem Zug nach Hause …“
Vorbei sind die Tage, in denen ein Fahrer sich mit der Funktionsweise seines Motors auseinandersetzen musste, um das Aggregat erfolgreich starten zu können. Gerade in dieser Umbruch-Periode begannen findige Jungs, ganze Container voller ausgelutschter, heruntergekommener Harleys über den großen Teich zu holen und unseren damals noch jungen, gierigen Markt zu bedienen. „Mit der Harley fort, mit dem Zug nach Hause …“ so damals das Gefrotzel der übrigen Motorradfahrer, wenn sie mal wieder einen von uns am Straßenrand stehen und schrauben sahen.

Oft hatte der E-Starter den Geist aufgegeben, oder irgendein anderes Teil der in die Jahre gekommenen, marode gewordenen Elektrik. Zwangsweise mussten wir uns mit der Technik auseinandersetzen. Und weil viele von uns vom Chopper-Virus befallen waren, fiel es uns leicht, auf einen ständig ausfallenden, klotzigen Anlasser und die massive Batterie zu verzichten.
Umbausätze zum Nachrüsten auf Kickstarter für Harley Evo und frühe Twin Cams
Wir hatten ja den Kickstarter! Eine schon mächtig gewachsene Zubehörindustrie für Harleys konnte uns mittlerweile mit vielen Ersatzteilen versorgen und Händler hatten komplette Kits zum Umbau auf Kickstarter parat. Selbst als die Evos kamen und mit Fünfganggetriebe aufwarteten, gab es bald entsprechende Umrüstsätze zum Anbau an das serienmäßig nicht für Kicker geplante Getriebe.

Der in Deutschland hergestellte und in den USA patentierte „Müller Kicker“ ist von allen wohl der kompakteste. Er baut gegenüber dem serienmäßigen 5-Gang-Getriebedeckel nur 2,3 Zentimeter breiter und war sogar in einer „Twin Cam“-Version lieferbar. Der Müller Anbau basiert auf einer technischen Neukonstruktion, ist aber nicht mehr neu zu haben. Zumindest nicht bei Müller. Als Alternative empfiehlt sich das „Cannonball Kickerkit“, das bei W&W zu haben ist. Es ist ebenfalls Made in Germany und quasi identisch mit dem Müller Kicker und dürfte derselben Herkunft entspringen. Das ist nicht offiziell verbrieft, aber doch sehr naheliegend …
Zuviel Lagerspiel ist verhängnisvoll, weil dadurch auch Innereien verschleißen
Die meisten anderen Anbieter haben sich bei ihren Ausführungen am ursprünglichen Harley-Bauteil orientiert. Was bedeutet, dass viele Ersatzteile untereinander austauschbar sind und auch in die originalen Gehäuse passen. Neue Kickerwellen gehören genauso dazu, wie die dazugehörigen, im Aludeckel verpressten Gleitlager.

Zuviel Lagerspiel ist hier verhängnisvoll, weil dadurch auch Innereien wie das Anlasszahnrad verschleißen. Beim Auswechseln verschlissener Buchsen und der Welle gegen neue Ersatzteile, kann es jedoch vorkommen, dass nach dem Einpressen der Buchsen im Neuzustand schon zu viel Spiel in den Lagerstellen auftritt, weil solche Teile möglichst ohne Nacharbeiten passen sollen. Ein metallverarbeitender Betrieb wäre sicherlich in der Lage, Gleitlagerbuchsen mit entsprechendem Aufmaß zu drehen und nach dem Einpressen ins Gehäuse die Lager auf Fertigmaß auszureiben oder zu honen.
Kickstarter für die Harley nachrüsten und verfeinern
Perfektionieren ließe sich das noch durch Ersetzen der Gleitlager durch Nadellager und einen zur äußeren Abdichtung eingesetzten Wellendichtring. Hierzu muss allerdings der Aludeckel entsprechend ausgefräst und die stählerne Welle im Durchmesser reduziert, mit Kohlenstoff angereichert (fachlich: eingesetzt), gehärtet und geschliffen werden. Entsprechende Recherchen in Lagerkatalogen und technisches Verständnis sind Voraussetzung bei solchen Arbeiten, die im eingebauten Zustand kaum einer bewundern wird, weil das Ganze im Verborgenen wirkt.

Zur Zeit, wo nichts heftiger auf die Trendhupe drückt als vordergründige „ol’ skool“-Attribute, springen effektheischende Pedale in Schlagring-Form oder als Eisernes Kreuz an Kickstartern eher ins Auge. Technische Verbesserungen sind nicht unbedingt das, worauf man gesteigerten Wert zu legen scheint.
Trotzdem: Wenn man sieht, dass beispielsweise neue, frisch angebaute Kickerhebel schon nach wenigen Tagen ihres schweren Daseins (… mit Füßen getreten) am Befestigungsvierkant wackeln, sollten wir das nicht ignorieren.
Ein selbst arretierendes Kicker-Peg verhindert nerviges Ausklappen
Schuld an dem Gewackel ist meist eine sich streckende Klemmschraube mit zu geringer Zugfestigkeit. Oft ist auch die Klemmkonstruktion selbst der Schwachpunkt. Längst gibt es Kicker mit nach unten offenen Klemmungen, die den Hebel korrekt in die Zange nehmen.

Aber den muss man separat bestellen, den gibt’s eben nicht im kompletten Kit.
Ein anderes nervendes Übel galt es ausmerzen: Ständig klappte am oberen Ende des Hebels der Pedaltritt (im Harley Vokabular auch „Kicker-Peg“ genannt) selbsttätig nach außen und drückte dabei an den Schenkel des Fahrers. Bei der Herstellung eines neuen Kickerarms aus Edelstahl verwirklichten wir deswegen auch eine technische Lösung, die in dieser Art schon an älteren Bikes deutscher und englischer Herkunft zu finden war: Ein selbst arretierendes Kicker-Peg.
Moderne Technik an Stellen, an denen sie niemand vermutet
Im hinteren Scharnierbereich der Peg-Aufnahme ließen wir genügend Material stehen für eine Sacklochbohrung, um dort eine kurze Druckfeder und obendrauf eine Stahlkugel unterbringen zu können. Im zusammengebauten Zustand rastet die federbelastete Kugel in Vertiefungen ein, die in den schwenkbaren hinteren Bereich des Pedaltritts eingebohrt sind. In die Schwenkbohrung pressen wir eine auswechselbare, teflonbeschichtete DU-Gleitlagerbuchse und zur Befestigung fertigten wir eine Pass-Schraube, die nur dort Gewinde hat, wo sie im Kickerarm eingeschraubt wird und sich im Bereich des Gleitlagers glattflächig und passgenau abstützen kann.

Die gerändelte Trittfläche des verwendeten Pegs von Zellner ist drehbar. Auch hier wieder selbstschmierende, wartungsfreie DU-Lager. Moderne Technik also, an Stellen, an denen sie niemand vermutet.
Kickstarter an der Harley nachrüsten – aber sicher!
Unser Fazit: Sitzt, passt, aber wackelt nicht mehr, und hat gerade soviel Luft wie technisch nötig! Natürlich sind diese Umgestaltungsideen nicht auf unserem Mist gewachsen. Ein offener Blick über den Tellerrand auf Motorräder anderer Marken kann bei der Ideenfindung oft hilfreich sein. Denn das ist die wirkliche „Alte Schule“: Hinschauen, wie andere früher so was gemacht haben und dann – warum nicht? – in verbesserter Form wiederauferstehen lassen. Harley hat es uns mit Softail und Springergabel vorgemacht.

















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