Wir fuhren mit amerikanischen Eisen durch die Südstaaten der USA, die Gegenden, wo der Blues entstand. Louisiana, Mississippi, Alabama und Tennessee standen auf dem Programm. Eigentlich sollte die Reise sogar hoch bis North Carolina gehen, aber da machte uns der Super-Hurrikan Joaquin einen heftigen Strich durch die Rechnung.

USA – eine Reise in den Südstaaten

Die Tour begann unrund: Ausgerechnet das Veranstalter-Pärchen, Micky und Peter Fischer von „bikethebest“, blieb mit seinem Flug unplanmäßig eine ganze Nacht lang in Washington hängen. Wir anderen, die eingeladenen Journalisten von verschiedenen deutschen Fachzeitschriften-Verlagen, verbrachten unseren ersten Abend im Anfangs- und Endpunkt New Orleans sozusagen „führungslos“. Erst gegen Mittag des nächsten Tages stießen dann unsere beiden Tourguides zu uns.

Eine der vielen Brücken im Sumpfland des Mississippi-Sunds

Treffpunkt war der Stützpunkt von EagleRider in New Orleans, wo wir unsere Bikes bekamen. Glücklicherweise bestand der Plan für diesen Tag aus dem kürzesten Trip der ganzen Tour, wir hatten gerade mal 150 Kilometer nach Biloxi und Bay St. Louis zu bewältigen. Diese beiden Küstenorte im Bundesstaat Mississippi wurden 2005 von der zerstörerischen Kraft des Hurrikans Katrina besonders stark betroffen, die Auswirkungen – reichlich Baulücken in der Nähe der Wasserlinie – sind bis heute nicht zu übersehen.

Hurricane Katharina ist noch überall present

Zwar sind die Orte inzwischen wieder blitzsauber rausgeputzt, an manchen Stellen besser als vorher, aber nicht wenige ehemalige Bewohner trauen dem Braten offenbar nicht mehr, die vielen Häuserlücken wirken in dieser hochattraktiven Gegend direkt am Golf von Mexico schon irgendwie seltsam. Nach kurzen Visiten der historischen Blues-Halle „100-Men-Hall“ und dem Mardi Gras Museum im schönen Örtchen Bay St. Louis führte die Fahrt spätnachmittags über Biloxi’s Lighthouse & Visitor Center nach Ocean Springs ins Hotel, einem Haus, in dem früher Al Capone und seine Gang ein und aus gingen.

Kathedrale St. Louis in New Orleans

Der nächste Tag verlangte nach gutem Sitzfleisch, denn die Etappe, die vor uns lag, war 500 Kilometer lang. Das Wetter war uns hold, die Stimmung prächtig, also rauf auf die Böcke. Über den Highway 49 und später die Interstate 59 ging es nach Norden Richtung Meridian, wo wir in einem uralten reizenden Esslokal namens „Weidmann’s“ (gegründet 1870) einen Lunch einnahmen. Nach einer kurzen Stippvisite beim örtlichen Harley-Dealer „Chunky River“ stand nochmals eine große Strecke bevor.

Elvis läßt grüßen

Das Ziel: die Stadt Tupelo, der Geburtsort von Elvis Presley. Ein unbedingtes Muss dort ist ein Besuch desjenigen Hardware-Store, in dem der kleine Elvis im zarten Bubenalter von 11 Jahren seine erste Gitarre bekam. Der Laden ist einfach herrlich, dort hat sich die letzten 70 Jahre nichts verändert.Der Besuch des Geburtshauses des Kings (eine Zweiraum-Holzhütte) schließlich führt einem drastisch vor Augen, aus welch bitterarmen Verhältnissen der junge Elvis Aaron Presley stammte. Der Besuch eines großen Oldtimer-Automuseums rundete unseren Besuch in Tupelo ab.

Das Geburtshaus von Elvis, ein Zweizimmergebäude aus Holz

Am nächsten Tag standen knapp über 400 Kilometer nach Chattanooga auf dem Programm. Alles war gut, alle Teilnehmer gut drauf, das Wetter stimmte. Die Route führte schnurstracks östlich quer durchs nördliche Alabama, vorbei an Huntsville. Und dann passierte es: Der Regen kam. Kein einzelner Schauer, sondern massives Tiefdruckwetter, in unsere Gegend geschickt von dem verfluchten Mega-Hurrikan „Joaquin“, der zu dem Zeitpunkt nahezu ortsfest schon vier Tage über dem Bermuda-Dreieck kreiste.

Regen, Regen … Regen

An seiner nördlichen Flanke jagte er ein Regengebiet nach dem anderen nach Westen ins Landesinnere, die Wetteraussichten waren niederschmetternd. Wie sich später herausstellen sollte, hatten wir von da ab vier Tage Dauerregen, von morgens bis abends und auch die Nächte hindurch. Nass wie Biber kamen wir abends in Chattanooga an, wo trotz des Dreckswetters eine Riesenüberraschung auf uns wartete, denn genächtigt wurde nicht in einem gewöhnlichen Hotel, sondern in originalen Schlafwagons des historischen Chou Chou Train.

Im ehemaligen Sackbahnhof von Chattanooga kann man in uralten Wohn- und Schlafwagons übernachten

Der ehemalige Sackbahnhof von Chattanooga wurde mit viel Liebe zu einem Hotel umgebaut, die über 100 Jahre alten Wagons verströmen innen und außen ein wahrhaft unbeschreibliches Flair. Tja, und dann musste eine schwerwiegende Entscheidung gefällt werden. Eigentlich wäre es am nächsten Tag von Chattanooga aus Richtung Gatlinburg gegangen, wo der berühmt-berüchtige „Tail of the dragon“ auf dem Fahrprogramm stand. Die Wettervorhersagen für die ganze Gegend dort jedoch waren so übel, dass sich alle Teilnehmer nach reiflicher Überlegung einstimmig dazu durchrangen, den Trip nach Gatlinburg zu canceln.

Nashville, Tennessee

Stattdessen fuhren wir in strömendem Regen aus Chattanooga heraus, besuchten noch eine interessante Tropfsteinhöhle mit einem im Berg hinabstürzenden Wasserfall und machten uns schließlich nach Nordwesten auf den Weg nach Nashville. 220 nasse Kilometer Interstate lagen vor uns, wir waren gestartet bei Regen, fuhren im Regen und kamen im Regen an. Nashville selbst – unser Hotel lag gut 15 Kilometer entfernt – entpuppte sich dann als absoluter Oberknaller.

In Nashvilles Amüsiermeile „Broadway“ ist fast jedes Haus eine Musikkneipe.

Die Amüsiermeile dort, der „Broadway“, ist so bunt, so quirlig, so animierend, so etwas gibt’s in ganz Europa nicht. Selbst die berühmte, vollauf sehenswerte Bourbon Street in New Orleans ist gegen Nashvilles Broadway Kindergeburtstag. Praktisch jedes Haus am Broadway ist eine Musikkneipe, und auf jeder Bühne rocken Live-Musiker der verschiedensten Musikstilrichtungen das Publikum.

Großes Kino

Großes Kino für den Abendbummel, ganz großes Kino! Und da wir aufgrund der Änderung des Tourplans einen Tag früher in Nashville aufgeschlagen waren, hatten wir gleich zwei Abende dort. Geil! Wer dort was essen will, ist in Jack’s Barbeque gut aufgehoben. Jack ist ein netter Kerl und führt seinen Laden schon seit Jahrzehnten.

Südstaaten-Reise in den USA

Tagsüber zwischen den beiden Nashville-Übernachtungen fuhren wir – sie erraten’s schon: im Regen – nach Lynchburg, wo die Jack Daniel’s Distillery ihren Hauptsitz hat. Die Führung dort war hochinteressant, unser Führer hieß – kein Joke – Jesse James. Vor dem Verlassen besuchten wir in Nashville noch das „Johnny Cash Museum“, dann machten wir uns auf den 350 Kilometer weiten Weg nach Memphis. Das Wetter war mies, uns wuchsen schon Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen, der guten Stimmung innerhalb unserer Reisegruppe tat das aber weiterhin und erstaunlicherweise keinen Abbruch.

Besuch der Jack Daniel’s Distillery in Lynchburg

Lunch gab’s in der Nähe von Jackson in Brooks Shaw’s Old Country Store (empfehlenswert), danach fuhren wir nochmals in Höhe Brownsville von der Interstate ab, um das Tina Turner Museum zu besichtigen, von dort führte die Tour geradewegs nach Memphis. Und oh Wunder, eine halbe Stunde vor Memphis sahen wir zum ersten Mal seit 96 Stunden zwischen dunklen Wolken den Stern blitzen, der die Erde wärmt. Um es vorweg zu nehmen: Ab diesem Moment fiel für den gesamten Rest der Reise kein einziger Tropfen mehr.

Graceland

Am Abend stand Flanieren auf Memphis’ Amüsiermeile Beale Street an, sie ist das Pendant zum Broadway in Nashville, aber deutlich kleiner und ruhiger. Am nächsten Morgen Fototermin vor dem Studio von Sun Records, jenem Musikverlag, wo Elvis Presleys unbeschreibliche Karriere ihren Ursprung nahm. Nach zehn Minuten Fahrzeit dann Graceland, jenes herrschaftliche Anwesen, das der King of Rock ’n’ Roll sich 1957 kaufte und wo er auch 20 Jahre später starb. Um die 650 000 Besucher werden jährlich durch Graceland geschippert, ein Wallfahrtsort für die Fans weltweit.

Elvis’ Anwesen Graceland

Und dann …, ja, und dann sprang die Dyna Switchback des Autors dieser Zeilen nicht mehr an. Tote Hose vor Graceland. Nichts mehr, nada, null Strom. Hoffnungsvoll vorgetragene Reparaturversuche brachten nichts, die Karre musste abgeholt werden. Der nächste Harley-Dealer war gut 15 Kilometer südlich, die holten die Dyna zur Reparatur ab. Mein Gepäck wurde auf andere Harleys verteilt, für die kurze Strecke war ich Gastfahrer auf Peters Road Glide.

Ein Trauerspiel beim Harley-Händler

Gut drei Stunden fraß uns diese Panne vom Tageszeitplan weg, die Mechaniker dort haben wie in Zeitlupe geschraubt (wir konnten das lahme Trauerspiel durch großzügige Glasfenster beobachten). Regler kaputt, Batterie tiefentladen lautete die Diagnose, nicht schlecht bei einem 3000 Kilometer alten Motorrad. Vor uns lagen noch 230 Kilometer nach Süden, zu den Ortschaften Clarksdale und Greenwood und den Tallahatchie Flats.

Die ehemaligen Hütten der Schwarzen werden heute teuer als Hotel vermietet

Am nächsten Morgen besichtigten wir Robert Johnsons Grab, er war in den 20er Jahren einer der einflussreichsten Blues-Musiker seiner Zeit. Danach fuhren wir über die Ortschaften Indianola (sehr sehenswertes BB King Museum), Vicksburg (Tomato Place) nach Natchez, wo wir auch übernachteten. Die Stadt direkt am Ufer des Mississippi war in den Zeiten vor dem Sezessionskrieg das wirtschaftliche, politische und soziale Zentrum des Staates Mississippi; und unrühmlicherweise auch der Hauptumschlagplatz für die „Ware Negersklaven“!

Tourschluss

Abends essen im urigen Rolling River Bistro, musikalisch live untermalt von der YZ Ealey Band. Very nice! Unsere Schlafstatt war das Monmouth Historic Inn, ein wunderschönes, super
gepflegtes altes Herrenhaus-Anwesen. Da kommen große Südstaatengefühle auf. Der letzte Fahrtag brach an. Von Natchez aus fuhren wir die letzten 290 Kilometer der Tour zurück nach New Orleans, wo wir die Bikes abgaben und noch einen schönen Abend auf der Bourbon Street verbrachten.

Raddampfer in Natchez

Unser Fazit: Rocky Mountains hin, Neuengland-Staaten her, die fast 3000 Kilometer lange Tour durch die Südstaaten eröffnet selbst ausgewiesenen USA-Kennern völlig neue Einblicke, Erkenntnisse und Erlebnisse. Wir haben ganz selten nach einem US-Aufenthalt noch so lange so positiv an eine Reise zurückgedacht. Die Blues Countrys rocken.

 

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