Rückkehr in ein Land, das man noch nicht wirklich kennengelernt hat. Fünf Tage und 600 Meilen Kalifornien auf einer Indian Springfield. Teil 2 unserer Reisereportage „California Express“.  Im zweiten Teil geht es spannend weiter über das Sweet Valley hinunter nach L.A.

Hinter der Caliente Range kommt auf dem Weg nach San Luis Obispo hinunter dann das Kalifornien, das man aus der Wein- und Rosinenwerbung kennt. Sweet Valley – war das nicht eine Billigmarke aus dem Discounter?

Und irgendwann wieder das Meer

Treffender kann man die Landschaft, die wir hier durchqueren, trotzdem nicht beschreiben – ungeachtet der Tatsache, dass vor meinen Rädern eine Klapperschlange über die Straße kräuselt, gerade eben schnell genug, um wieder zu verschwinden, bevor ich die Kamera aus dem Gepäck gefischt habe.

Blick über die Bucht hinüber zum Morro Rock, dem übrig gebliebenen Lavaschlot eines ehemaligen und längst erloschenen Vulkans

Sanft gewellte Hügel voller Weinreben, prächtige Farmhäuser umringt von Schatten spendenden Bäumen, opulente Weingüter. Irgendwann kann man dann auch das Meer wieder riechen. Bei Morro Bay stoße ich wieder auf die Küste.

Morro Rock

Zwei Dinge sind es, die dort sofort ins Auge stechen: Das seit 2014 stillgelegte Naturgaskraftwerk, wegen seiner hochaufragenden drei Schlote im Volksmund „Three Fingers“ genannt, und direkt daneben das Wahrzeichen der Stadt, der Morro Rock.

Die „Three Fingers“ der Schlote des stillgelegten Kraftwerks prägen zusammen mit dem Morro Rock das Erscheinungsbild von Morro Bay an der Pazifikküste

Er ist einer von dreizehn mächtigen Lavakaminen in der Gegend, die nach der Erosion des Vulkanmantels vor Urzeiten stehengeblieben sind – beziehungsweise das, was nach achtzig Jahren Steinbruchaktivität noch übrig war, als der Fels 1969 als Historical Landmark unter Schutz gestellt wurde.

Einfach mal abhängen

Morro Bay ist ein extrem relaxter Ort, so pittoresk und relaxt, dass ich mich gleich für zwei Nächte dort ins Motel einmiete – auch weil just am nächsten Tag ein Oldtimertreffen stattfindet. Außerdem lockt der nahegelegene Montana de Oro State Park mit seinen Eukalyptuswäldern zur Erkundung, und einfach mal zwei Stündchen in einem der Cafés abzuhängen, die Antiquitätenläden zu durchforsten oder abends im Pub der Live-Band zu lauschen, ist auch keine Sünde.

Was da am nächsten Tag an Karren rund um die Ocean View Garage in der Main Street zusammenkommt, kann sich sehen lassen. Mit all den Oldtimern auf den Motelparkplätzen wirkt der Ort auf einmal wie die Kulisse eines alten Hitchcock-Movies.

Die schnellste Indian der Welt

Die Oldiefans sind extrem mitteilungsbedürftig, da taut man selbst als bisweilen knorriger Deutscher schnell auf und tauscht sich gern aus. Auf diesem Weg erfahre ich, dass im angrenzenden Los Osos der Typ wohnen soll, der das Original von „the World fastest Indian“ besitzt.

Eine Adresse rückt mein Informant leider nicht raus. Er ist ohnehin nicht gut zu sprechen auf den seltsamen Kauz, der schon zwei Einladungen zu Oldietreffen hier ausgeschlagen hat. Am Strand treffe ich einen netten älteren Herrn mit junger Freundin, die auf einer Honda Dax unterwegs sind.

Zufallsbegegnung am Strand: Ron Cook mit seiner Freundin und ihrer Honda Dax – der Mann, der beim Rekord- versuch auf dem El-Mirage-Salzsee 1997 einen Horrorcrash überlebt hat

Wir kommen ins Gespräch und es stellt sich heraus, dass er Ron Cook ist: der Mann, der 1997 in den El-Mirage-Salt-Flats beim Rekordversuch mit seiner Kawasaki einen Horrorcrash bei mehr als 200 Meilen pro Stunde überlebt hat. Wer sich das ansehen möchte, wird auf Youtube fündig.

Schrecklich unverbindlich

Wir quatschen uns fest und als die Sonne sinkt und es allmählich empfindlich kalt wird, nehmen wir endlich Abschied. Mein Kärtchen nimmt er mit und verspricht, sich zu melden. Liebend gern würde ich seine Geschichte mal aus erster Hand nacherzählen. Doch es wird nie eine Mail oder ein Anruf kommen. Schrecklich unverbindlich, diese Amerikaner.

Mit dürren Palmen im stahlblauen Himmel wirkt die Szenerie am Rande von Morro Bay fast wie das Setting von Miami Vice

Es ist Samstag, am Sonntag geht der Flieger nach Hause und bis LA sind es gute 200 Meilen. Mich eng am Meer haltend, suche ich mir immer wieder Nebenrouten zum Pacific Coast Highway und stoße in Lompoc schließlich auf die Überbleibsel des Valley-Drive-In-Theatre.

Das Valley-Drive-In-Theatre bei Lompoc erlebte seine Blütezeit Ende der 50er, Anfang der 60er.Heute beheimatet es einen ­Recyclinghof

Die Rückseite der riesigen Leinwand dieses Autokinos, das seine Glanzzeiten Ende der 50er,
Anfang der 60er erlebt hat, steht weithin sichtbar und trägt noch die immer mehr verwitternden Schriftzeichen. Ja selbst die Billboards am ehemaligen Kassenhäuschen sind noch erhalten. Auf ihnen wirbt der heute dort ansässige Recyclinghof.

Endstation California Express: Los Angeles

In Richtung LA wird der Verkehr immer dichter. Schließlich stecke ich auf dem mehrspurigen Highway fest. Die Zeit drängt, ich muss noch meinen Koffer im Hotel abholen und dann nach Westminster im Süden von Los Angeles, wo ich am Sonntagmorgen das Motorrad beim Händler abgeben muss.

Im Montana de Oro State Park am Rande des Pazifiks warten Eukalyptuswälder auf ihre Erkundung auf zwei Rädern

Da fällt es mir wieder ein: Filtering – das Durchfahren von Staus mit dem Motorrad – ist in Kalifornien ausdrücklich erlaubt. Und als ich mich an einen fetten Harley-Bagger dranhänge, der wie eine Kanonenkugel durch die Blechkolonnen pflügt, verliere ich allmählich sämtliche Hemmungen. So viel Fahrspaß auf so engem Raum hat man selten.

California Express

Letzte Nacht im billigen Motel in Süd-LA. Draußen rauscht der Freeway, im Zimmer nebenan verhält sich ein Bewohner mehr als auffällig. Zumindest stark bekifft ist er, wenn nicht ärgeres. Offenbar sind einige Bewohner hier dauerhaft untergebracht, manchmal gibt es dafür Hilfen vom Staat.

Bisweilen übertreffen die USA alle Klischees, die du im Kopf hast: Schrottplatz bei Taft

An der Rezeption ziehen sie sich morgens in Plastikbechern die miese Plörre rein, die sie hier Kaffee nennen. Ein Ort, den man nicht vermisst. Mit dem Rest des Kaliforniens, das ich hier kennenlernen durfte, könnte das anders sein.

 

 

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