California Express oder die Rückkehr in ein Land, das man noch nicht wirklich kennengelernt hat. Fünf Tage und 600 Meilen Kalifornien auf einer Indian Springfield. 

Amerika, du hast uns geprägt. Cowboys und Indianer, John Wayne, fette Big-Block-Karren, Harley-Davidson, die Mondlandung, Evel Knievel, Blues Brothers, Vietnam, Luftbrücke, Nato. Die Bilder im Kopf, beim Stichwort USA sind sie da. Wir Baby Boomer glauben, das Land zu kennen.

Wir glauben, das Land zu kennen

Ein Bild, das wir uns aus Erzählungen, Erinnerungsfetzen und Klischees zusammenspinnen. Ich war schon ein paar Mal da, immer aber kurz und nie auf eigene Faust unterwegs. Als sich im Anschluss an die Präsentation der Indian FTR 1200 in Santa Monica die Gelegenheit bietet, ein paar Tage zu verlängern und mit einer Springfield vier Tage lang durchs Land zu touren, gibt’s kein Zaudern.

Wie im Western: Häuserfront in Santa Margarita

Wenn Amerika ein Charaktertyp ist, ist Kalifornien sein Nabel. Im drittgrößten Bundesstaat der USA herrscht ewiger Sommer, er ist ein Schmelztiegel der Kulturen und ein Mekka der Kreativen. Palmen, Surfer, Sonne, Hollywood, Frisco, Blumenkinder, Silicon Valley, California Dreaming …, wieder zucken Schlaglichter durch den Kopf.

Die Gegend rund um Taft ist geprägt von der Ölförderung. Tag und Nacht singen die Pumpen hier ihr mechanisches Lied

Für all das und den weiten Raum sind vier Tage im Grunde ein Witz. 900 Meilen misst hier allein die Küstenlinie. An ihr zieht sich von San Diego im Süden bis San Francisco im Norden der Pacific Coast Highway entlang, wohl eine der berühmtesten Straßen der Welt.

Einfühlen statt Meilen kloppen

Mein erster Impuls: Auf der Interstate 5 im Inland nach Frisco hochblasen und dann den Highway No 1 runter – in Südrichtung auf der rechten Spur ist man dem Ozean am nächsten. Dann aber entscheide ich mich anders. Ich bin nicht hier, um Meilen zu kloppen. Ich will mich ein Stück weit einfühlen in das Gefühl, das dieses weite Land seinen Bewohnern vermittelt, seine Vielfältigkeit ausloten.

Nicht alles in der weiten Grasebene der Carrizo Plain ist wirklich eben. Hier hat die Natur den Straßen­bauern ihren nur mit viel Aufwand beugbaren Willen aufgezwungen

Micha, der zeitweise in Kalifornien lebt und den ich direkt am Highway gelegenen Bikertreff Neptune’s Net in Malibu treffe, bestärkt mich darin. Und so lege ich mich bei Burgern und French Fries an Tag eins auf eine Route fest.

Die Route steht fest

Den Pacific Highway hoch bis Ventura, dann auf den Highway 33 durch die Pine Mountains bis zur Ölstadt Taft. Von dort wieder nach Westen in Richtung Küste und dann wieder in Richtung LA durchsickern.

Unser Gastautor Guido nimmt sich die Zeit und dreht eine Extrarunde durch Kalifornien

Dass das Wetter Kaliforniens auch anders kann als blau und sonnig, zeigt sich auf dem Weg hoch in die Berge. Knapp 1600 Meter hoch führt die Passstraße in die Pine Mountains und mit jedem Meter wird es kälter. Nass und neblig ist es sowieso. Meine Klamotten hab ich nach besagtem Klischee ausgesucht – und friere wie ein Schneider.

Billiger Sprit und schlechte Zähne

Doch kurz nach dem Pass reißt der Himmel auf. Die Sonne wird mich die kommenden Tage nicht mehr verlassen. Je weiter man ins Inland kommt, desto billiger wird der Sprit und desto schlechter werden die Zähne der Menschen. Der junge Kerl, mit dem ich kurz vor Taft an der Tankstelle ein paar Worte wechsle, steckt sein bisschen Geld offenbar lieber in seine grüne Kawa ZX-6R als in sein Gebiss.

Oldtimer auf einem Motelparkplatz

Armut findet sich aber auch an den Stränden Kaliforniens. Unter den Palmen von Santa Monica und Venice Beach lagern die Obdachlosen verdöst unter billigen Planen, während die sehnigen, braungebrannten Besserverdienenden morgens an ihnen vorbeijoggen. Ein Gegensatz, den man aushalten muss und der uns vom deutschen Sozialstaat Geprägten bitter aufstößt.

Santa Monica und der ewige Sommer

In den letzten Jahren ist hier im Westen zwar alles immer teurer geworden, das hat auch Micha bestätigt. Auch für die Middle Class ist das Leben hier kein Spaziergang mehr. Dennoch zieht Kalifornien immer noch Mittellose aus den ganzen USA an, weil die staatliche Unterstützung hier besser ist und es sich bei gutem Wetter und warmen Temperaturen draußen leichter leben lässt.

Taft liegt in der südwestlichsten Ecke des San Joaquin Valleys. Erst im späten 19. Jahr-hundert wurde ganz in der Nähe Öl entdeckt und die Stadt mitten zwischen die beiden größten Ölfelder gebaut.

Ölpumpen singen unermüdlich ihr Lied

Von Süden aus tauche ich ein in diese ausgebeutete Landschaft, die so weit das Auge reicht von
Industriebauten, Rohrleitungen und Ölpumpen geprägt wird und die noch immer einen Teil des ungeheuren Energiehungers Amerikas befriedigt. In dieser stillen Gegend erfüllen die Ölpumpen die Nächte unermüdlich mit dem Lied ihrer bewegten Mechanik. Ein sehr spezieller Geruch hängt über ihr.

Von Taft aus tuckere ich mit der Indian weiter gen Norden und biege bei McKittrick auf die 58 gen Westen ab. Nach der Ödnis der flachen Öllandschaften saugt sich das Auge schon bald gierig an der Gebirgskette der Temblor Range fest, die endlich wieder Schwung ins Fahren bringt.

Kurvenritt und weites Grasland

Und Materialabtrag an die Trittbretter der fetten Springfield. Doch nur ein paar Meilen lang, dann geht es hinab ins weite Grasland der Carrizo Plain, das sich bis zur Caliente Range – nächster Gebirgszug auf dem Weg zum Meer – erstreckt. Innerhalb von nicht mal hundert Meilen fährt man aus der fossilen Vergangenheit Kaliforniens direkt hinein in seine solare Zukunft.

Kilometerlange Felder voller Solarpanel tauchen in der Ebene auf, in der es kilometerlang geradeaus und dann auch mal urplötzlich in 90-Grad-Turns ums Eck geht. Sie wirken wie die Überbleibsel einer vergangenen Hightech-Kultur.

Im zweiten Teil unseres Reiseberichtes geht es dann spannend weiter über das Sweet Valley hinunter nach L.A.

 

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