Robert Brandon hieß in der Szene immer nur „Brandon“, sein Vorname ging irgendwann in den wilden Sechzigern verloren. Schmunzelnd erzählt der große, breitschultrige Bikebuilder mit dem verschmitzten Lächeln von einer Frau, mit der er über ein Jahr zusammen war und die bis zuletzt dachte, Brandon wäre sein Vorname.
Robert Brandon, geboren 1946 in Buffalo/New York, ist ein Urgestein der Motorradszene der Vereinigten Staaten. Die Großen der Szene kennt beziehungsweise kannte er alle persönlich: Arlen Ness, David Mann, Ed „Big Daddy“ Roth, Dave Poole, Stoney, Gary Barbour … Angefangen hat alles mit diversen Fahrradumbauten, als Brandon gerade mal 12 Jahre alt war.
Robert Brandon ist quasi Bikebuilder seit Kindertagen
Seine Liebe zu motorisierten Vehikeln war schon früh sehr ausgeprägt. So baute er schon als Zwölfjähriger Minibikes aus Fahrradrahmen und trieb diese mit Rasenmähermotoren an. Bis heute sind möglichst alle Teile seiner „handbuild-bikes“ mit einer riesigen Portion typisch amerikanischem Pragmatismus selbst gefertigt.

Der Frontscheinwerfer der hier gezeigten Kreation namens „Maroon“ verrichtete vorher gute Dienste als Edelstahltopf zur Herstellung von Knoblauchbutter in Brandons Küche oder auch manchmal als Trinknapf für seinen Hund. Die Form passte und nach kurzer Bearbeitung wurde daraus der Scheinwerfer. Und so sind alle Teile seiner einzigartigen Bikes handgemacht, wenn irgend möglich aus einfach zu beschaffenden Gegenständen des täglichen Lebens.
Brandons Bikes werden immer von Sportster- oder Buell-Motoren angetrieben
Der Stil erinnert an die ganz frühen Harleys, die Motorentechnik jedoch ist aktueller. Luftgekühlte Sportster- oder Buell-Motoren machen aus den optisch auf altbacken getrimmten Bikes flott zu bewegende Motorräder.

„Es spielt keine Rolle, welcher Gang drin ist. Ich verbrenne immer den Hinterreifen“, so Brandon. In den frühen 70er Jahren riss er sich los von seiner Heimat, den Freunden und dem „ekelhaften“ New Yorker Klima und begann ein neues Leben in St. Petersburg im sonnigen Florida. Während Brandon nächtlich den Haines Road Bar Run genoss (eine Straße in St. Pete, in der sich Bar an Bar reiht), führte wenige Kilometer nördlich ein bekannter und mittlerweile berühmter Maler und Zeichner ein sehr ähnliches Partyleben, wie es nur in den Siebzigern gelebt wurde.
„wer bin ich denn, dass David Mann nach mir suchen lässt?“
David Mann war damals schon sehr bekannt durch seine Zeichnungen im Easyriders-Magazin. Er hatte sozusagen die Doppelseite in der Mitte des Heftes für sich abonniert. „Irgendwie hatte David von mir gehört und schickte Leute aus, mich zu finden. Ich dachte, wer bin ich denn, dass David Mann nach mir suchen lässt?“

Und so dauerte es noch fast ein Jahr, bis die beiden sich fanden und eine lebenslange Freundschaft entstand. Wer Manns Bilder genauer betrachtet, wird immer wieder den Mann mit der Augenklappe irgendwo finden (Brandon verlor mit vier Jahren bei einem Autounfall sein rechtes Auge). Auf mindestens sechs von David Manns Biker-Bildern ist Brandon porträtiert.
Brandon wollte sich nicht vor der Einberufung drücken …
Das erste Mal zeichnete der Künstler seinen späteren Freund, ohne ihn kennengelernt zu haben. Er wusste von ihm nur aus Erzählungen und zeichnete prompt dem falschen, nämlich linken Auge die Augenklappe. Als in den 60ern auch Brandon einen Musterungsbescheid der Army erhielt – es war die Zeit des Vietnamkrieges – wollten sich nicht wenige verständlicherweise vor der Einberufung drücken.

Nicht so Brandon. Er machte die gesamte Musterungsprozedur mit, aber als der Sehtest anstand, kam es natürlich ans Tageslicht. Niemand der Musterungsärzte im Raum glaubte ihm, als er sagte, er sehe nichts (zu dieser Zeit trug er ein Glasauge).
Brandon fühlte, dass wieder ein krasser Schnitt in seinem Leben getan werden musste
Sie dachten, er wolle sich vor Vietnam drücken. Da stieß sich Brandon mit dem Zeigefinger in sein rechtes Auge und das Glasauge fiel laut polternd vor ihm auf den Tisch. Noch heute schüttelt er sich vor Lachen aus in Erinnerung an diese Situation – und sofort wird er ungewöhnlich ernst und der Schalk verschwindet, nur für dieses eine Mal an diesem Tag, aus seinem Gesicht.

„Ich habe in den sechs folgenden Monaten sieben meiner besten Freunde beerdigen müssen. Alle in Vietnam umgekommen. Wir hatten jeden Monat mindestens eine Beerdigung.“ Nach vielen Irrungen und Wirrungen – er folgte David Mann 1980 nach Malibu/Kalifornien, als dieser dorthin umgezogen war, er arbeitete als Schrauber in einem Harley-Shop, verdingte sich im kalten Norden als Metallbauer, heiratete, wurde bürgerlich, bekam einen Sohn – fühlte Brandon eines Tages, dass wieder ein krasser Schnitt in seinem Leben getan werden musste.
ein Bikerleben mit alten und neuen Freunden, Partys, biken, Bikes bauen, Spaß haben
Er fuhr nach Hause, erklärte seiner Frau, dass er mit seinem Bike auf die Straße gehöre und deshalb gehen müsse. „Mein Sohn sah mich an, wir sahen uns in die Augen und sagten nichts, aber er hatte verstanden. Am nächsten Tag setzte ich mich auf mein Bike und fuhr nach Süden. Einige Monate später war ich geschieden.“

Als er in St. Petersburg ankam, nahm er sein altes Leben wieder auf – ein Bikerleben mit alten und neuen Freunden. Partys, biken, Bikes bauen, Spaß haben. Doch als am 11. September 2004 David Mann starb, begann für Brandon eine harte Zeit. So viele Erinnerungen und Gedanken gab es an den guten Freund. Danach lebte und arbeitete Brandon mit seiner Customschmiede „Hand-Build-Bikes“ in St. Pete und führt noch immer, bis ins hohe Alter, ein Bikerleben, wie es im Buche steht.
Kundenwünsche wurden berücksichtigt, aber der Sportster-Motor war immer gesetzt
Seine unnachahmlichen Custombikes fanden reges Interesse bei den Bikeshows in Amerika. Die hier gezeigte „Maroon“ ist natürlich ein Einzelstück, denn zwei gleiche Bikes hat es von Brandon nie geben: „Zu langweilig, weißt du?“, sagt der Bikebuilder und zwinkert mir in der Abendsonne vergnügt zu. „Ich habe für jeden Kunden gebaut, was und wie er es mochte, solange ein Sportster- oder Buell-Motor als Antrieb diente. Ich wüsste nicht, was ich hätte anders bauen sollen“, lächelt er vor sich hin, um sich für das Abendbier auf der Bikermeile in St. Pete vorzubereiten. Immer in Gedanken an die früheren Zeiten, als Sex noch sicher und Bikes gefährlich waren …

















