Beim Stöbern im Internet nach Biketouren in den Dolomiten bin ich irgendwann über etliche „Soundso viele Dolomitenpässe an einem Tag“-Touren gestolpert. Von bis zu einundzwanzig Pässen an einem Tag war da die Rede. „Das können wir toppen“, dachte ich mir, „und zwar mit Harleys“. Am Ende standen 24 Dolomitenpässe auf der Liste.

Kaffeestopp bei der Anreise am Passo Mauria

Die Routenplanung erwies sich dann als etwas knifflig, denn ich wollte, wenn möglich, alle Pässe im Kernbereich der Region Dolomiten an einem Tag abfahren, stellte aber fest, dass wahrscheinlich das Tageslicht nicht reicht, um alle neunundzwanzig Pässe unter einen Hut zu bringen.

24 Dolomitenpässe an einem Tag

Da ich diesbezüglich noch keinerlei Erfahrungswerte hatte, unternahm ich zusammen mit Kumpel Ernst Ende September 2016 eine Art Probelauf von Wolkenstein aus. Es hatte dann am Grödner Joch und am Valparola/Falzarego in der Früh null Grad Celsius, uns sind fast die Finger abgefallen vor Kälte (Griffheizung ist ja was für Warmduscher …).

Erster Stopp am Würzjoch, dahinter die Cima della Plose

Nach sechzehn Pässen schwand dann das Tageslicht – aber ich hatte jetzt die nötigen Erfahrungswerte, um die Tour richtig zu planen. Die wichtigsten Kriterien sind: Man braucht einen Tag mit maximal langem Tageslicht (Ende Juni/Anfang Juli), es sollte auf den Pässen kein Schnee mehr liegen (ab Mitte Juni), man sollte unter der Woche fahren, auf keinen Fall am Wochenende oder in der Haupturlaubszeit, da ist der Bär los in den Alpen.

Abkürzen wenn´s eng wird

Die Runde konnte ich so anlegen, dass man, sollte es aus irgendeinem Grund zeitlich eng werden, jederzeit abbrechen und in Richtung Zielpunkt abkürzen konnte.

Ausblick vom Sellajoch auf die Sellagruppe

Durch unsere Testtour wussten wir, dass man in den Dolomiten zirka dreißig bis fünf-zig Kilometer pro Stunde weit kommt. Wir konnten loslegen. Es musste nur noch ein Tag her, an dem es vom Wetter her passte. Mitte Juni war es so weit, ein stabiles Schönwetter für drei Tage war vorhergesagt.

19. Juni, der Tag der Wahrheit

Nach kurzem Briefing mit meinen zwei Bikerfreunden beim Frühstück ging es um halb neun morgens los. Bei fast schon kitschigem Kaiserwetter starteten wir in Bruneck, die Wetterfeen waren uns wohlgesinnt. Entsprechend war unsere Stimmung und Motivation bestens, optimale Voraussetzungen also für den Trip.

Berggasthof am Nigerpass

Nun hieß es, sich erstmal auf den ersten Kilometern ein wenig warm zu fahren und sich gegenseitig einzustimmen im Dreierpack, zumal es auch gleich mit dem Furkelpass (Passo Furcia) losging. Die Aussicht ins Badia-Tal ist gleich am Morgen von dort oben ein Hammer. „Was wird das für ein geiler Tag!“, dachte ich mir, aber ich bekam auch eine leise Vorahnung, dass es gleichermaßen ein langer und harter Tag werden würde.

Der richtige Rhythmus

Also, Konzentration, und weiter ging’s. Runter vom Pass und auf der anderen Seite hinauf über Antermoia aufs Würzjoch (Passo delle Erbe), und seitlich zurück ins Badia-Tal, wo uns auch gleich ein paar Baustellen mit Ampelregelung plagten. Irgendwann waren wir durch und es ging Richtung Passo Campolongo, danach rechts weg auf den Passo Pordoi, wo wir auch einen Kaffeestopp einlegten. Der richtige Rhythmus zwischen fahren und Pausen machen ist wichtig, um die Konzentrationsfähigkeit zu erhalten.

Stausee am Passo di Fedaia und der Marmolada-Gletscher

Von dort aus ging es auf den Passo Sella, den höchsten Pass heute, mit dem obligatorischen Foto, weil es hier oben echt herrlich ist. Wobei, wir konnten nicht auf jedem Pass Fotos machen, das hätte uns von vornherein zwei Stunden Zeit gekostet. Unser Rhythmus hieß: nach einer Stunde fahren fünfzehn Minuten Pause machen, es gab aber auch drei längere Pausen, um was „Gscheites“ (italienisch) zu essen.

Essen – Fahren – Wiederholen

Nach dem Sella fuhren wir runter ins Fassa-Tal, gleich weiter auf den Passo di Fedaia zum Stausee am Fuße des imposanten Marmolada-Gletschers (hier haben sie im 1. Weltkrieg zwölf Kilometer Stollen ins Gletschereis gehauen), und wieder zurück in Richtung Rosengarten. Vom Passo Nigra zurück am Karerpass angekommen, haben wir uns genüsslich eine Portion Pasta gegönnt, man muss ja bei Kräften bleiben.

Kurzer Fotostopp am Passo San Pellegrino

Wenn man ein wenig Italienisch spricht, hilft das immens beim Bestellen. Bei den Einheimischen gab es staunende Gesichter und ein „Madonna mia“, als sie hörten, was wir vorhatten und die Harleys sahen; man verabschiedete uns dann mit einem „buona fortuna“ oder „buona giornata“.

Tipp: immer tanken

Vom Karerpass westlich herunter hielten wir für eine Minute am Karersee, der eine unglaublich tiefblaue Farbe hat, dann ging’s links hinauf zu einem fahrerischen Sahnestückchen: zum Passo di Lavazè. Der ist nagelneu asphaltiert, mittlere und lange übersichtliche Kurven, die verleiteten fast schon ein bisschen zum Heizen. Nach kurzem Abstecher zum Passo Oclini fuhren wir über den Passo di Pramadicchio und Cavalese nach Moana, wo wir getankt haben.

Passhaus am Giau, dahinter die Cinque Torri

In den Dolomiten empfiehlt es sich, immer Sprit für sechzig bis hundert Kilometer an Bord zu haben, weil man nie sicher sein kann, ob die Tankstelle, die man anfährt, auch offen hat, ob deren Automaten funktionieren oder ob Kreditkarte oder Geldscheine (auch wenn man sie vorher bügelt) eben nicht funktionieren. Manchmal muss man zwei bis drei Tankstellen anfahren um Sprit in den Tank zu bekommen, und das Tankstellennetz ist in den östlichen Dolomiten auch nicht sonderlich dicht gestrickt.

24 Dolomitenpässe an einem Tag – nicht nachlassen

Vollgetankt ging es weiter über den Passo San Pellegrino, Passo di Valles und Passo Rolle runter nach Tonadico, wo wir wieder was Leckeres zu uns nahmen. Bisher hatten wir echt Glück mit dem Verkehr auf den Passstraßen, nur wenige Autos und Radfahrer, und vor allem weder Reisebusse noch Wohnmobile, die uns am Vorankommen hinderten.

Meine beiden „Flügelmänner“ schlugen sich großartig, wir hatten einen super Rhythmus beim Fahren. Bei der Tagesstrecke und den vielen Kurven kann ein kleiner Konzentrationsfehler (sprich: Fahrfehler) gleich einmal das Ende der Tour bedeuten, ganz abgesehen davon, dass ein solcher in den Bergen lebensgefährlich ist.

Nach Cortina d‘Ampezzo am Passo Tre Croci

Gestärkt fuhren wir weiter über den Passo di Cereda in die östliche Dolomitenregion, landschaftlich anders, weitaus dünner besiedelt, kaum Tourismus – nach Forcella Aurine und Forcella Franche über den relativ schmalen Passo Duran. Hier sind derweil die Pässe nur mehr maximal 1800 Meter hoch, dicht bewaldet, aber mit schönen Almen.

Motivationstief

Man fragt sich beim Durchfahren, von was die Leute hier leben. Nach der Forcella Staulanza geht es dann wieder ordentlich aufwärts auf den Passo Giau, der zu den höchsten Pässen zählt und eine grandiose Aussicht bietet. Zeitlich passte es auch gut und wir legten einen Foto- und Kaffeestopp ein.

Seiser Alm, die Perle der Dolomiten

Mittlerweile spürten wir die Strapazen des Tages und die Kupplungshand wurde langsam müde. Wer eine Harley-Kupplung kennt, weiß, was es bedeutet, gefühlt tausend Mal zu kuppeln und zu schalten. Bei unserem Ältesten in der Runde, Ernst, 68, schlich sich ein kleines Motivationstief und etwas Müdigkeit ein („Wie lang hamma noch?“). Wir mussten uns jetzt schon ganz schön aufraffen, um auf die Bikes zu steigen, mittlerweile war es sechs Uhr abends und es hieß schon überall „buona sera“.

Es wird knapp für die 24 Dolomitenpässe

Kurz nachgerechnet, ob wir es mit passablem Tageslicht noch schaffen können wie geplant, dann ging es in Richtung Cortina d’Ampezzo. Ernst wollte jetzt vier Pässe vor dem Ziel auch nicht mehr aufgeben, wir haben es durchgezogen. Rauf auf den Passo Tre Croci und wieder zurück, in Cortina wurde sicherheitshalber nochmal getankt, und flugs hinauf auf den Passo Falzarego und Valparola.

Oben angekommen kündigte sich mittlerweile auch das Ende des Tages an. Zum einen hatten wir nur noch einen Pass vor uns, und zum anderen schwand das Tageslicht. Es war acht Uhr am Abend, aber die schöne Abendstimmung und die traumhafte Umgebung entlohnten für die Strapazen, meine Jungs und ich waren plötzlich wieder voll motiviert.

Nur noch runter ins Tal

Wir hatten noch etwas über eine Stunde zu fahren, runter ins Badia-Tal und auf den letzten Pass für heute: das Grödner Joch. „Das Beste kommt zum Schluss“, dachte ich mir, denn als wir um neun Uhr abends oben am Passo ankamen, war gerade Sonnenuntergang. Die ganzen Berge rundherum waren in einem tiefen Orangerot angeleuchtet, die Sonne lag genau am Horizont auf. Was für ein sensationelles Panorama. Euphorie machte sich bei uns breit: Wir hatten den letzten Pass geschafft! Ernst war wieder voll dabei und schlug vor: „Den Sella könn’ ma jetzt a no amol schnappn, da wären wir in zehn Minuten oben!“

Es wurde aber schnell dunkel, die Sonne war weg und wir entschieden uns hinunterzufahren, nach Wolkenstein zu unserem Hotel, wo die Wirtin in der „Meifreid“ schon auf uns wartete. Es war halb zehn, als wir ankamen, und bei einem guten italienischen Abendessen machte sich nach und nach ein überwältigendes Erfolgsgefühl breit.

Erfolg – 24 Dolomitenpässe

Für mich als Road-Captain bestand die Herausforderung auch darin, die notwendige Konzentration den ganzen Tag über aufrechtzuerhalten, um den richtigen Rhythmus und das Tempo zu finden, ohne meine Flügelmänner zu überfordern. Auch ist Pässefahren mit Harleys eine eigene Geschichte, weil man bergab doch über vierhundert Kilo Gesamtgewicht abzubremsen hat. Für die 513 Kilometer haben wir dreizehn Stunden gebraucht, davon zehn Stunden reine Fahrzeit.

Passhaus am Passo Falzarego morgens bei der Rückreise

Tatsächlich geschafft – 24 Dolomitenpässe an einem Tag

Am nächsten Tag ging’s dann wieder etwas mehr als 500 Kilometer zurück nach Hause, die Kupplungshand war verkatert, aber nach etwas Warmfahrzeit klappte das dann wieder. Und weil das Wetter uns weiter hold war, haben wir uns auf dem Heimweg nochmal das Grödner Joch, den Valparola (mit Besichtigung des Kriegsmuseums), Falzarego und den Lago Misurina reingezogen.

 

Die Truppe:  Michael Kirchner, Ernst Faszl, Klaus Lemmerer

Die Bikes: Eine Road King, zwei Street Glides

Gesamtfahrstrecke: über 1500 Kilometer

Anreise Sonntag: Rottenmann – Velden – Kanaltal – Cortina d’Ampezzo – Lago Misurina (3 Zinnen) – Bruneck

Montag: Die 24-Pässe-Tour 513 Kilometer in zehn Stunden Fahrzeit, dreizehn Stunden unterwegs

Rückreise Dienstag: Wolkenstein – Cortina d’Ampezzo – Auronzo di Cadore – Sauris – Kanaltal – Wörthersee

 

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