Boardtrack-Racing ist ein wahnwitziger Sport, und einige Enthusiasten wie Billy Lane arbeiten mit Herzblut daran, den in vergessenheit geratenen Irrsinn wiederzubeleben. Ohne Bremsen in die Steilwand – ab dafür!

Billy Lane ist zurück. Zurück in einer Werkstatt, zurück mit kreativen Ideen, die ihn zurück in positive Schlagzeilen bringen sollen. Und zurück im Kampf gegen Probleme, die sich seinem Ein-fluss teilweise oder gar völlig widersetzen: Technische Widrigkeiten, Versicherungskonzerne und sogar Naturkräfte stemmten sich gegen die Premiere seiner neuesten Idee: Eine Rückkehr des Boardtrack-Racings auf die Rennstrecken der USA.

In seinem zweiten Customizer-Leben konzentriert sich Billy Lane auf Oldtimer

Das 75. Jubiläum der Daytona Bike Week war als Starttermin des glamourösen Unternehmens geplant, doch selbst der zweite Anlauf zum Biketoberfest 2016 fiel den Windböen von Hurricane „Matthew“ zum Opfer. 2017 dann sollten die klassischen Motoren in neuen Boardtrack-Fahrwerken bei der 76. Bike Week ihre Premiere feiern: Auf dem New Smyrna Speedway.

Boardtrack-Racing

Sie sehen aus wie eine Mischung aus Top Fuel Dragbike und einer Replik eines antiken Rennmotorrads aus der Pionierzeit des Motorsports: Eine gutes halbes Dutzend fertig aufgebauter „Sons of Speed“-Racer steht auf der großzügig bemessenen Werkbank in Billys Shop, in Sicherheit gebracht vor den massiven Regenfällen und Sturmböen von Hurricane Matthew, der auch hier – einige Meilen von der Atlantikküste entfernt – Straßen geflutet und die Vegetation gelichtet hat.

In seinem zweiten Customizer-Leben konzentriert sich Billy Lane auf Oldtimer

Billys neue Werkstatt ist kein öffentlicher Custombike-Shop wie seine alten Locations, wo er seine legendären Chopper auf die Räder stellte. In der Werkstatt empfängt er nur geladene Besucher und konzentriert sich auf seine Arbeit … und das neue Projekt, das einen Großteil seiner Zeit auffrisst. Billy Lane hat noch immer einen Namen in der amerikanischen Customszene und zieht Besuchermassen.

Sons of Speed

Seine ersten Auftritte bei der „True Grits“ Classic Bike Show 2015, organisiert von seinem Bruder Warren und Bill Dodge, waren noch zurückhaltend, doch schon damals blitzten die Ideen auf, die er 2017 endlich realisieren wollte. Sein Plan ist das wohl herausfordernste Konzept der letzten Jahre, denn Billy dachte an nichts Geringeres als die Rückkehr der klassischen Boardtrack-Rennen in die heutige Motorsport-Szene der USA. Und wem das noch nicht verrückt genug klingt: Er baute auch die für den Start der Rennserie notwendigen Maschinen!

Billy auf dem knapp 500 ccm großen Einzylinder von 1910. Man beachte das riesige Riemenrad hinten

Spezielle Rennfahrwerke, ausgestattet mit „American-made“-V-Twins aus den Baujahren vor 1925, für viele amerikanische Biker DER typische Rennmotor der Boardtrack-Ära. Was die Sache nicht vereinfacht, ist die Tatsache, dass komplette Motorräder aus der Pionierzeit des Motorradbaus in den USA gerade als Geldanlagen teuer gehandelt werden, auch Motoren sind in den Preisstrudel nach oben gesaugt worden und gelten als Sammlerobjekte. Dazu Billy Lane: „Die frühen Motoren waren bisher eher unbeachtet und nur für einen kleinen Kreis von Sammlern und Enthusiasten von Interesse. Doch die Welt ist kleiner geworden und damit auch die Funde von solch frühen Motoren seltener. Heute braucht man, um so einen Motor zu bekommen, nicht nur gute Beziehungen, sondern auch eine Menge Geld.

Seltene Motoren

Dazu kommt, dass es nur noch wenige komplette Motoren gibt. Wer so ein Aggregat besitzt, weiß es zu schätzen und kennt seinen Wert. Es sind Sammlerstücke geworden, die Preise werden so schnell nicht mehr fallen.“ In weiser Voraussicht sicherten sich Billy und sein in Miami beheimateter Bruder Warren schon vor dem großen Boom eine gewisse Anzahl an klassischen US-Bikes und auch einzelne Motoren. Und sie sind nicht allein. In den USA gibt es Sammler und Besitzer von Antik-Bikes, die ihre Motoren gerne noch einmal auf einer Rennstrecke sehen und hören würden, vorzugsweise mit sich selbst im Sattel.

1915 F-Head-Motor in Lane-Boardtrack-Chassis: Der zweite 1915er F-Head-Boardtrack-Racer ist bestückt mit einem Motor aus der Sammlung von Buzz Kanther, Herausgeber des Magazins „American Iron“. Buzz ist ein langjähriger Kenner der Antik-Szene in den USA. Er besitzt eine Reihe von klassischen Indians und Harley-Davidsons und kennt sich in Sachen „Boardtrack“-Geschichte aus. Sein Bike hat einen geteilten Tank mit zwei Kammern für Öl und Benzin, die Handpumpe für die Ölversorgung ist auf der linken Tankseite zu sehen. Alle Oberflächen sind nacktes Metall, die salzhaltige Luft in Florida setzt dem Bike zu, Rost ist ein ständiger Begleiter.

Oder der mittlerweile groß gewordene Nachwuchs möchte nachempfinden, wie es sich anfühlte, in den 10er und 20er Jahren ohne „Netz und doppelten Boden“ mit schnellen Motorrädern unterwegs zu sein. Dass weder Vater noch Sohn jemals eine Chance hatten, die „Golden Years of Motorcycle Racing“ wirklich zu erleben, spielt dabei keine Rolle: Was zählt, ist die Illusion.

Neues Chassis, alte Motoren, irrer Spaß

Genau für diese Klientel hat Billy Lane seine innovative Idee entwickelt: Ein „Rolling Chassis“ als Basis für einen modernen Boardtrack Racer, in welchen die Motoren schnell eingebaut und gewechselt werden können. Billy: „Komplette Bikes aus der Zeit vor 1935 sind Raritäten. Viele wurden während der Depression über die Limits hinaus genutzt und dann verschrottet. Die Uralt-Technik war empfindlich, die Straßen rau, Information zu Wartung und Erhaltung selten und das Motorrad wurde als Gebrauchsobjekt gesehen. Wenn die Chassis die damaligen Zeiten nicht überlebten, behielten die Besitzer manchmal den Motor: Als Antrieb für Maschinen, Generatoren oder nur als Ersatzteilquelle. Weshalb auch heute noch ein Überschuss an Motoren existiert, für den es keine Fahrwerke gibt. Dieses Problem habe ich mit dem ,Sons of Speed‘-Fahrwerk gelöst.

1915 F-Head-Motor in Lane-Boardtrack-Chassis: Eine von zwei 1915er F-Head-Boardtrack-Renn-Replikas, die startbereit auf die „Sons of Speed“-Rennserie wartet. Der IOE-Motor besitzt einen separaten Öltank, von dem der Ölkreislauf im Motor gespeist wird. Moderne Zündspulen und Batteriespannung sorgen für einen zuverlässigen Zündfunken. Die antiken Brennräume werden von einem Mikuni-Vergaser gefüttert. Reifen und Räder werden durch die auftretenden Zentrifugalkräfte besonders beansprucht.

Statt den ganzen Planeten nach alten Teilen abzusuchen, habe ich beschlossen, eine moderne Version jener Fahrwerke zu bauen, die vor knapp hundert Jahren diese Motoren zu Ruhm auf der Rennstrecke brachten. Heutige moderne Materialen erlauben es zudem, eine leichtere, schnellere und zudem preiswertere Version der spektakulären Racer zu bauen, die in den Jahren zwischen 1909 und 1930 die Massen so begeisterten.“

Die Regeln für Sons of Speed sind einfach

Wie im Top-Fuel-Dragster-Sport ist das Fahrwerk in blankem Metall ausgeführt, um Rahmen, Schweißnähte und alle belasteten Teile des Rahmens permanent nach Rissen und Abnutzungen zu kontrollieren. Keine Federung vorn und hinten – außer der Luft in den Reifen, die beim heutigen Stand der Reifentechnik glücklicherweise mehr Sicherheit bieten als die Schluffen, die in den ers-ten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auf die Felgen der Rennmaschinen aufgezogen waren. Während die Rahmen mehr oder weniger identisch sind, werden Tank und Bodywork an den Stil des früheren Motorradherstellers angepasst. Die Triebwerke selbst sind mittels individuell angefertigter Motorhalter am Rahmen montiert, was nicht nur schnellen Ein- und Ausbau garantiert, sondern auch eine Verwendung von Triebwerken verschiedener Hersteller in ein und demselben Fahrwerk ermöglicht.

1934 Crocker Speedway Im Besitz von Billy und Warren Lane befindet sich auch diese rare Crocker Speedway. Ein potentieller Rennkandidat für eine Einzylinder-Klasse. Während seiner Tätigkeit für Indian Motocycles in Massachusetts entwickelte Albert G. Crocker seine eigenen OHV-Umbaukits, später sogar eigene Motoren. Die Depressionszeit war aber für solche Innovationen kein gut gewählter Zeitpunkt. Von etwa 40 gebauten Dirt-Track/Speedway-Rennmaschinen hat eine überraschend große Zahl in den Händen von Sammlern überlebt, einige sogar in fahrfähigem Zustand. Billy Lane besitzt ein komplett restauriertes und fahrfähiges Exemplar auf Speedway-Bereifung. 1934 waren die sehr teuer zu unterhaltenden Boardtrack-Strecken bereits Geschichte und gaben den Weg frei für kostengünstigere Motorsportarten wie Speedway.

„Die Regeln für Sons of Speed sind einfach und von den über hundert Jahre alten Regularien abgeleitet. Der New Smyrna Speedway ist eine um zwanzig Grad geneigte 1/2-Meilen-Rennstrecke mit Asphalt“, erklärt Billy, „die Motoren müssen vor 1925 gebaute 1000-ccm-Twins sein. Die Motorräder haben kein Getriebe, keine Kupplung und keine Bremsen. Die Fahrer ziehen ein Los für ihre Startaufstellung. Gestartet wird das Rennen mit einem fliegenden Start, die Fahrer starten hinter einem Pace-Motorrad, das die Strecke vor dem Winken der grünen Flagge an der Startlinie verlässt. Der erste Fahrer, der die Zielflagge sieht, gewinnt. Gefahren werden zwei 5-Meilen-Läufe je zehn Runden, jeder Lauf mit vier Fahrern auf der Strecke. Der jeweils Erst- und Zweitplatzierte der Vorläufe rückt vor in den Finallauf, der als 10-Meilen-Rennen über zwanzig Runden ausgetragen wird.“

Keine Bremsen, kein Gasgriff

Was neben Kupplung und Bremse an den frühen Rennmaschinen ebenfalls fehlte, ist ein Bauteil, das man heute an keinem Motorrad missen möchte: der Gasgriff. Die frühen Boardtrack-Rennmotoren arbeiteten mit fest eingestelltem Vergaser, die Leistung des Triebwerks wurde lediglich durch Verstellung des Zündzeitpunkts und „Dead-man Switch“ zur Unterbrechung der Zündung gesteuert. Nach dem Start gab es nur alles oder nichts. Dennoch waren die Fahrer nicht arbeitslos: Während sie kontinuierlich um die beste Position stritten, musste die Zündung reguliert und der Motor durch eine Handpumpe mit Öl versorgt werden.

910 Harley-Davidson 1910 gewannen viele Privatfahrer Zuverlässigkeitsfahrten und wettbewerbsähnliche Veranstaltungen mit diesem 30-Kubic-Inch-Motor, der noch immer ein Schnüffelventil als Einlass verwendet. Die einsame Nocke öffnet lediglich den Auslass. Befreit von den meisten „zivilen“ Zubehörteilen wie der Werkzeugbox, diente diese Maschine als Blaupause für die Rennmaschinen. Der Riemenantrieb war, wie auch der Direktantrieb zum Hinterrad, in den 10er Jahren noch immer Stand der Technik. Der Hebel auf der linken Tankseite ist die „Kupplung“, um den Riemen zu spannen. Angeworfen wurde der Motor via Kette und Riemen über die Fahrradpedale, wofür die Maschine aufgebockt wird. Die reinrassigen Rennmaschinen der Ära wurden angeschoben oder angezogen.

Jede Nachlässigkeit könnte in reduzierter Leistung oder Motorausfall enden. Zumindest in diesem Punkt sind Billys antike Rennmotoren auf einem höheren Sicherheitslevel: Moderne Vergaser erlauben eine Steuerung per Gasgriff. Und auch die anfälligen Magneten sind durch Batteriezündung ersetzt. In den meisten Lane-Racern sind zudem nicht die flammenspeienden Alkohol-V-Twins der 10er und 20er Jahre montiert, sondern deren eher zahme Alltagsversionen wie die IOE-gesteuerten „J“-Modelle von Harley-Davidson.

Boardtrack-Racer in einem echten Rennen

Was ihnen an Spitzenleistung fehlt, machen sie durch höhere Lebenserwartung wieder gut, selbst unter Rennbedingungen. Nur wenige und gut betuchte Enthusiasten würden ihre echten Boardtrack-Racer in so einem Rennen riskieren! Ziel von Billy wäre ein 16-Starter-Feld für die große Klasse der V-Twins und eine zusätzliche Klasse für Einzylinder. Vielleicht findet sich in einer nicht so fernen Zukunft sogar ein Motorenhersteller, der die Serie mit Triebwerken versorgt?

Die Renner haben kein Getriebe, keine Kupplung, keine Bremsen

Ob der Ruf auch von der europäischen Boardtrack-Gemeinde gehört wird? Vom Rest der Welt unbemerkt rollen nämlich bereits seit 2005 Freunde antiker Rennmaschinen in privaten Meetings durch die steilen Wände alter Rennstrecken. In Bielefeld, in Darmstadt und einmal sogar – in Hannover – auf Holz! Thomas Trapp von der Harley-Factory Frankfurt und sein Sohn Eric, aber auch Thomas Bund, der mehrere Bücher zu dem Thema geschrieben hat, sind ausgewiesene Experten, selbst auf 49 Grad überhöhten Bahnen. Sie wissen, welche Gefahren in der steilen Wand lauern, und sie kennen die Probleme mit alten Motoren. Weshalb sie ihre Maschinen auf den alten Rennstrecken auch nur zu Demonstrationsfahrten nutzen.

Eine Zukunft für´s Boardtrack-Racing

Alles andere wäre viel zu gefährlich!“ In den USA sieht man das wohl anders. Billy Lane glaubt nicht nur fest an das Publikumsinteresse, sondern weitet seinen bereits beeindruckenden Rennstall weiter aus. In Zukunft sollen die Rennmaschinen vielleicht sogar an interessierte Renn-Enthusiasten vermietet werden. Für Billy Lane nicht nur ein Geschäftsmodell, sondern eine Angelegenheit, in der viel Herzblut steckt. Und echter Enthusiasmus! Wird Boardtrack-Racing in den USA eine Zukunft haben?

 

 

 

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