Wer denkt, Harleys Militärmodelle WLA und WLC wären technisch weitgehend identisch, irrt sich. Die beiden unterscheiden sich am Anfang der Produktion in über zwanzig Ausstattungsdetails.

Gleich zu Beginn die Überraschung: Die fürs kanadische Militär gebaute WLC (das C steht für Canada) war zwar eine spezielle Variante der WLA (A für Army), aber die WLC war viel früher im Kriegseinsatz unterwegs. Der Grund: Kanada hat als Mitglied des Commonwealth und zur Unterstützung des britischen Mutterlandes bereits WLC-Motorräder nach England verschifft, als die USA, die erst nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 in den Zweiten Weltkrieg eintraten, auf den europäischen Kriegsschauplätzen noch gar nicht vertreten waren.

Hier eine späte WLC mit Verdunklungs-Kit an der Lampe. Gut zu erkennen der Handhebel, mit dem man die Achse herausziehen konnte

Insgesamt wurden während des Zweiten Weltkriegs um die 88000 Harleys auf WL-Basis fürs Militär gebaut. Darüber hinaus existierten nach dem Ende der Kämpfe Ersatzteile, um daraus weitere 30000 Maschinen auf die Räder stellen zu können. Nicht umsonst verschleuderte der Staat zunächst die Teile fürn Appel und ’n Ei, später verhökerte man sogar komplette lauffähige Motorräder für schlanke 80 Dollar, was inflationsbereinigt und verglichen mit der Kaufkraft des Dollars im Jahr 1947 heute etwa 900 Dollar gleich käme. Echte Schnäppchen also!

WLA vs. WLC – Die Unterschiede

Was genau sind die Unterschiede zwischen WLA und WLC. Nun, der augenfälligste Unterschied ist die Tatsache, dass die WLC im Gegensatz zur WLA auch einen „Hauptständer“ am Vorderrad hat. Das mag zunächst profan erscheinen, hat aber einen gewichtigen technischen Hintergrund. Denn anders als bei der WLA, bei der die Bremstrommeln und die Radnaben aus einem Stück bestehen (was auch bedeutet, dass die Speichen der WLA jeweils auf der Bremstrommelseite kürzer sind), sind Trommel und Nabe bei den WLC-Rädern getrennte Bauteile, die mit je fünf Schrauben verbunden sind.

Radachsen mit Handgriff

Der Clou an dieser Sache: Vorder- und Hinterrad sind untereinander austauschbar, was bei der WLA nicht möglich ist. Bei den WLC ab Baujahr 1943 gingen die Entwickler sogar so weit, den Radachsen außen einen zirka zehn Zentimeter langen Handgriff zu verpassen, mit dem man die Achse bequem herausziehen konnte. Auch ein Unterschied: Die verwendeten Bremstrommeln an der WLC stammten von Harleys Big-Twin-Modellen. Auch die Bedienelemente waren unterschiedlich.

DAS Erkennungsmerkmal der WLC ist der große Ständer für das Vorderrad. Radnaben und Trommelbremsen ließen sich bei ihr voneinander trennen, die Räder waren untereinander austauschbar

So befand sich der Gasgriff bei den WLA am rechten, bei den WLC – genau wie bei den damaligen Motorrädern von Indian – am linken Lenkerende. Der rechte Drehgriff diente zum Verstellen der Zündung. Zudem waren die WLC links mit einem zusätzlichen Bremshebel für die Vorderradbremse bestückt. Rechts am Lenker trug die WLC – obwohl sie eine Fußkupplung hatte – einen zusätzlichen Handkupplungshebel. Dem Vernehmen nach mochten viele Fahrer den Gasgriff auf der linken Seite, denn dadurch hatten sie ihre rechte Hand frei, um schießen zu können.

Rechte Hand frei zum Schießen

Bei den frühen Modellen ab Ende 1941 war ein Notaus-Lichtschalter rechts knapp über dem Werkzeugkasten am hinteren Rah-
menrohr befestigt. Das hat man in späteren Baujahren geändert, weil der Schalter im Gelände doch arg vom Hinterrad zugesaut wurde. Frühe Exemplare der WLC hatten im Gegensatz zu den WLA auf der rechten Fahrzeugseite hinten keinen Sturzbügel, auf der linken Seite aber schon, um den Luftfilterkasten zu schützen. Ab Mitte 1943 änderte sich das, dann war auch rechts ein Sturzbügel montiert.

Verkehrte Welt: Bei der WLC wurde links Gas gegeben und mit dem rechten Handdrehgriff die Zündung verstellt

Ebenso wurden die Positionen der Lampe und der Hupe getauscht, bei späten WLC wanderte die Lampe von ihrer hohen Position nach unten, die Hupe entsprechend nach oben. Und anders als bei den WLA bestanden alle Öl und Benzin führenden Leitungen der WLC aus Gummi. Der obligatorische Halter für das Thompson-Gewehr, der bei allen WLA die rechte Seite der Gabel schmückt, fehlt bei der kanadischen Version. Wichtig bei der Authentizitätsrecherche: Alle WLC haben eine eingeschlagene Motornummer, die mit dem abgekürzten Baujahr (beispielsweise 42) und den Buchstaben WLC beginnt, danach folgt eine fortlaufende Zahl. In unserem Beispiel würde eine imaginäre Motornummer also lauten: 42WLC12345.

Munitionskiste auf dem Frontfender

Im Gegensatz zu den WLAs wurde alle WLC ab Werk sowohl mit einer Frontverkleidung samt Schutzscheibe wie auch mit Beinschützern aus Kunstleder ausgeliefert. Und anders als bei dem Modell für die US-Army war die Munitionskiste nicht links an der Springergabel montiert, sondern thronte mittig auf dem Frontfender.

Eine WLA im Gefechtstrimm. Wie man unschwer erkennt, hat die Maschine keinen Ständer am Vorderrad. Das weist sie als WLA aus

Das Verdunklungsequipment der Lampen war anders und der Hinterradständer der WLC bekam schon bald Zusatzbleche (Sand Pads) angeschweißt, um sicherer in sandigem Gelände zu stehen. Last but not least wurden alle 1942er WLC und die bis Mitte 1943 produzierten mit einem gefederten Soziussitz ausgeliefert, vor dem ein typisch britischer Metallring befestigt war, an dem sich der Mitfahrer festhalten konnte.

Bereinigung der Ausstattung

Im Juli 1943 gab es dann eine Änderung in der Produktion. Ein kanadisches „Military User Committee“ hatte verfügt, dass die Frontverkleidung, die Beinschützer und die Soziussitze von allen WLC entfernt werden sollten. Das Komitee war der Meinung, dass das englische Wetter so schlecht nicht sei, um all dieses Equipment am Fahrzeug haben zu müssen. Außerdem verbannte man die Handgriffe von der Maschine, die sich bei Stürzen als gefährlich für den Fahrer erwiesen hatten. Ab dem 7. Juli wurden die WLC ohne Verkleidung produziert, ab dem 21. Juli waren der Soziussitz und die zusätzlichen Handgriffe Geschichte. Ende Juli war es dann auch mit den Beinschützern vorbei.

Bei der WLA saß der Munitionskasten seitlich links neben dem Vorderrad

Generell haben sich die Maschinen im Laufe der Jahre durch Modellpflege leicht verändert. Anfangs zum Beispiel hatte das voluminöse Ölbad-Luftfiltergehäuse bei WLA und WLC eine zylindrische Form, später wurde daraus ein rechteckiger Kubus. Wenn Ihnen einer eine WLC verkaufen möchte, das Bike aber keinen Vorderradständer hat und keine tauschbaren, mehrteiligen Räder aufweist, ist es höchste Zeit, ein gesundes Misstrauen an der Sache zu entwickeln.

 

 

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