Kürzlich konnte der Autor dieser Zeilen einen der fettesten Milwaukee-Eight-Motoren fahren, der derzeit zu haben ist und er ist heftigst begeistert: 2,4 Liter sind eine brachiale Ansage

„Wir haben da noch etwas in petto, da geht noch was“, hatte mir Joachim Sohn vor rund zwei Jahren geheimnisvoll orakelt, als ich mit leuchtenden Augen von seiner 2,3-Liter-Sport-Glide abstieg. „Brauch’s doch gar nicht“, dachte ich damals, „das Ding hier hat doch mehr Pfeffer im Arsch, als die überwiegende Mehrzahl der Fahrer fahrerisch umsetzen kann.“ Das gilt auch noch heute, immerhin liefert der 2,3-Liter-Motor, je nach Konfiguration, wahnsinnige 148 PS Leistung, sein Drehmoment kann auf Wunsch bis zum Fabelwert von 240 Newtonmeter gepusht werden.

Die Gabel trägt Innereien von Oehlins

Jetzt gibts ne ordentliche Schippe drauf

260 km/h? Kein Problem

Und jetzt gibt es noch eine Schippe obendrauf. „Wir haben den 2,4-Liter-Motor fertig“, sagte eine Stimme in bestem Vorderpfälzer Dialekt am Telefon, „komm vorbei und fahr ihn. Du hast ja den 2,3er schon klasse gefunden, der 2,4-Liter wird dich umhauen. Wir haben 165 PS an der Kurbelwelle und 242 Newtonmeter Drehmoment.“ Meine Augenbrauen zuckten nach oben. Das hörte sich nach bitterböser Power an, solch ein Angebot musste man mir nicht zwei Mal machen.

Beste Wetterbedingungen für die Testfahrt

146 Kubikinches, das sind 2,4 Liter Hubraum

Am Fahrtag selbst hatten wir allerbeste Wetterbedingungen. Das muss auch so sein, denn wenn 242 Newtonmeter auf den mit 180 Millimetern Gesamtbreite nicht gerade üppigen Heckgummi eindreschen, ist es für einen überlebenswichtigen Grip höchst förderlich, wenn der Asphalt ein wenig Wärme besitzt. Als Träger des 2,4-Liter-Aggregats setzt Joachim Sohn auf eine Softail Low Rider S. Das passt wie die Faust aufs Auge, denn keine andere Harley macht so sehr auf „bad ass“-Attitüde, und erst mit einem solchen Über-Motor ist dieses „Böse-Jungs-Moped“ endlich adäquat motorisiert. Damit kann das Bike halten, was es optisch ohnehin verspricht.

Der Tacho geht bis 260 km/h

Der Wolf im Schafspelz

In der Gabel der Testmaschine steckt bereits Technik von Öhlins, hinten braucht es noch ein besseres Federbein. Auf ein gutes Fahrwerk sollten künftige Besitzer eines solchen Powerbolzens unbedingt allergrößten Wert legen, denn dieses Motorrad ist schnell, sehr schnell sogar. Auf der Hockenheim-Acht stand die Tachonadel, obwohl die gebogenen „Geraden“ dort nur ein paar hundert Meter lang sind, öfter bei 200 Sachen, mit der anstehenden Leistung und der Übersetzung sind rechnerisch 253 Stundenkilometer drin, was den Schalk in Joachim Sohn dazu veranlasste, eine 260er-Marke auf den Tacho zu kleben. In Wirklichkeit will oder kann kein Mensch mit dem hohen Lenker und den Midsize-Rasten 250 fahren. Aber so etwas Profanes wie Höchstgeschwindigkeit ist ja auch gar nicht der Sinn eines Powercruisers. Vielmehr ist es der ungeheuerliche Punch in allen Fahrsituationen und Drehzahlbereichen, die den Spaß an solch einem Kraftschlegel ausmachen. Egal in welchem Gang, sobald 1800 U/min anstehen, geht aber sowas von die Post ab, dass es schon einen erfahreneren Reiter braucht, um die Bestie bei Bedarf zu zügeln.

Wer Sturm ernten will

Die stärkste Harley, die der Autor je gefahren ist

Besonders gut hat mir gefallen, dass der 2,4-Liter-Motor die gleichen guten Manieren hat wie sein 100 Kubikzentimeter kleinerer Bruder. Ab Standgasdrehzahl gibt er sich total geschmeidig und läuft wunderbar stabil, langsames Zockeln im Stadtverkehr ist genauso drin wie furioses Angasen auf der Bahn. Selbst Tempo-30-Zonen oder Spielstraßen verlieren ihren Schrecken, der riesige V2 gibt sich bei Bedarf so handzahm wie ein Pony. Und für den Fall, dass man Sturm ernten will, genügt es, einfach am Kabel zu ziehen. Dann nämlich geht es ab, als hätte die NASA die Hände im Spiel.

Machtvolle Überlegenheit

Ein Bike mit diesem Wahnsinns-V2 ist der Souverän unter den Harleys

Mein Fazit: Ein Bike mit diesem Wahnsinns-V2 ist der Souverän unter den Harleys. Das ist gaaanz großes Verbrenner-Kino! Von Turboversionen oder Kompressorgranaten mal abgesehen ist das die stärkste Harley, die ich je gefahren bin. Ich hatte jeden einzelnen Meter Spaß, weil Bike und Antrieb stets genau das machen, was der Fahrer vorgibt. Dieses Aggregat bietet motorisch machtvolle Überlegenheit in jeder Lage, und das ist ein Luxus, den man gar nicht hoch genug einschätzen kann.

Das Leistungsdiagramm zeigt auch dem Unbedarften, was hier los ist …

Ach, und by the way: Wir sind schon das neueste Schmuckstück aus Joachim Sohns Werkstätten gefahren und berichten derzeit brandaktuell in der neuen DREAM-MACHINES 01 /21

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