Die 2002 erschienene Harley-Davidson (Ur-)V-Rod wurde nur vier Jahre lang gebaut, ebenso wie ihre direkte Nachfolgerin. Erfolgreicher waren da die Modelle „Muscle“ und vor allem die „Night Rod Special“.
Relativ spät erst hat Harley bei den V-Rods designmäßig die Kurve gekriegt. Viel zu lange wurde dieses stärkste aller Harley-Davidson-Motorräder in ein Gewand gesteckt, das zwar elegant, aber andererseits auch viel zu brav, zu gefällig, um nicht zu sagen zu feminin ausfiel. Keine Frage: Bei ihrer Vorstellung im Jahr 2001 gefiel die V-Rod vor allem wegen der herrlich gefinishten „Lackteilen“ in gebürstetem Aluminium Natur.
125 bärig nach vorne preschende Porsche-PS
Doch dieser Innovations-Bonus verpuffte schon bald. Wie im richtigen Leben, kann bloße Schönheit recht schnell langweilen. Viel wichtiger bei einem Motorrad ist, dass sein Aussehen seinem Charakter entspricht. Oder wenigstens der anvisierten Fahrerzielgruppe in die Hände spielt. Wer sich für eine Harley entscheidet, die serienmäßig 125 bärig nach vorne preschende Porsche-PS auf den Asphalt rotzt, hat im positiven Sinne mit brav sein nichts am Hut.

Wer stets straßenverkehrspolitisch korrekt durch die Republik gondeln will, sitzt auf einer V-Rod ohne jeden Zweifel auf dem falschen Gerät. V-Rods waren eindeutig die Unartigen unter den Harleys – genau das sollten sie sein, dafür wurden sie gebaut. Indes, erst mit dem Erscheinen der Night Rod Special im Modelljahr 2007 verströmte dieser Power Cruiser endlich den „Böse-Bube-Charme“, den er von Anfang an verdient hätte.
Die sanften runden Linien der ersten V-Rod sind verschwunden
2009 setzte das Design der „Muscle“ noch eins drauf. Verschwunden sind bei ihr die sanften runden Linien, ihre Flächen kommen markant kantig daher. Details wie die Luftfilterhutzenblenden sind bewusst technoid mit Sichtverschraubungen angeflanscht. Auch an der Gabel der Muscle legten sich die Designer schwer ins Zeug.

Schöner gemacht als dieses Frontend mit den stylischen Gabelbrücken, dem perfekt integrierten, massiven Lampenhalter und dem fein dazu komponierten Lenkerhälften-Ensemble kommt kaum eine Serienmaschine heutzutage auf den Markt – von ähnlich wertigen Lösungen bei der ehemaligen Harley-Tochter MV Agusta mal abgesehen.
Der 1250er ist eine klare Empfehlung für Gebrauchtkäufer
Der über alle Maßen zuverlässige Revolution-V2 wurde 2008 überarbeitet. Er bekam einen Hubraumaufschlag von 1131 auf 1247 Kubikzentimeter und gut 10 PS mehr Leistung. Da er sich als nicht weniger zuverlässig als der 1130er erwies, ist der 1250er die Empfehlung für Gebrauchtkäufer. In den beiden Testosteron-Modellen steckt er in der zweiten Rahmengeneration. Diese wurde für 240er Heckschlappen konzipiert und ermöglichte endlich ein brauchbares Tankvolumen von 18,9 Litern. Da sich der V2 bei bösartiger Gashand auch schonmal acht Liter und mehr gönnt, kommt man so mit einer Füllung immerhin 200 Kilometer weit. Im Bummelmodus gehen aber auch knapp 300. Warum die Rods ab Modelljahr 2011er auf Scorcher-Reifen von Michelin gestellt wurden, blieb uns nach intensiven Testfahrten völlig schleierhaft.

Die beiden Rods waren mit den zuvor ab Werk verbauten Dunlops ja auch keine Ausbünde an Handlichkeit. Aber falls die Michelins vom Typ „Scorcher“ hier etwa einen Fortschritt in Richtung Handlichkeit, sprich leichtere, neutralere Einlenkbarkeit, bewirken sollten, so ging zumindest dieses Entwicklungsziel ein gutes Stück in die Hose. Viel schwerfälliger als gewohnt präsentierten sich die Michelin-bereiften Rods (beide Modelle wurden ausschließlich mit einem 240/40-18-Hinterrad ausgeliefert). Wobei sich die „Muscle“, die mit 142 Millimetern einen deutlich längeren Nachlauf besitzt als die „Night Rod Special“ (114 Millimeter), als besonders störrisch entpuppte.
wenn’s ums Eck gehen soll, wird es kräftezehrend
Zwar ist der Geradeauslauf bei dem riesigen Radstand und dem üppigen Nachlauf erwartungsgemäß hervorragend, aber wenn’s ums Eck gehen soll, wird es kräftezehrend. Die „Muscle“ verlangt vom Fahrer viel Arbeit beim Eingelenken. Und auch in Schräglage (etwa in langen Kurven oder großen Verkehrskreiseln) muss die Fuhre ständig aktiv nachgedrückt werden, weil die Scorcher-Bereifung sich stetig aufstellen will. Solch notwendigen Kraftaufwand bei jeder Richtungsänderung haben wir von den zuvor verbauten Dunlops jedenfalls nicht in Erinnerung. Glücklicherweise gibt es ja auch besser funktionierende Alternativen …

Fazit
Die Rods ab Modelljahr 2008 mit dem 1250er Revolution-V2, größerem Tank und neuem Rahmen sind durch und durch ausgereift. Die schon von Haus für Harley-Verhältnisse ordentlichen Bremsen lassen sich durch einen simplen Belagwechsel mit wenig Mitteln deutlich verbessern. Die Dunlop-Reifen funktionieren besser als die später verbauten Michelin Scorcher. Welche Gummis noch besser funktionieren, verraten wir in einem separaten Artikel. So oder so: Gebrauchte V-Rods sind teuer und werden wohl kaum noch günstiger werden. Unter 8.000 Euro geht gar nichts! Gepflegte, unverbastelte Modelle der letzten Jahrgänge liegen sogar deutlich über dem damaligen Neupreis, der immer unter 20.000 Euro war.





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