Auch die älteren Twin-Cam-Modelle haben noch ihre Fans und durchaus eine Daseinsberechtigung. Bei der Wahl zwischen Harley-Davidson Road King Classic oder Street Glide ging es dabei schon immer um mehr als nur um reine Geschmacksache. Wir haben die Unterschiede der beiden Twin-Cam-Modelle genauer angeschaut.

Die Hartschalenkoffer der Street Glide lassen sich durch das neue, genial einfache Verschlusssystem einhändig bedienen

Das Gewicht

Liest man die technischen Daten dieser beiden Touring-Modelle, kommt zunächst Verwunderung auf. Obwohl die beiden Probanden so unterschiedliche Erscheinungsbilder aufweisen, wiegen sie bis auf eine winzige Differenz von einem Kilogramm praktisch gleich viel.

Die Road King wiegt laut Herstellerangabe 371 Kilo, die Street Glide deren 372. Mal ehrlich, hätten sie der Street Glide mit ihrer voluminösen Batwing-Verkleidung und den Hartschalenkoffern nicht auch spontan eine viel größere Gewichtsdifferenz im Vergleich zur Road King zugedacht? Tja, so kann man sich täuschen.

Kapitel Motor

Beide Maschinen profitierten seit dem Modelljahr 2014 von Detailarbeiten am Motor, was sowohl ein bisschen mehr Leistung als auch mehr Drehmoment zur Folge hatte. „High Output Twin Cam 103“ nannte Harley-Davidson das modellgepflegte Aggregat, das mit neuen Nockenwellen und einem neu gestalteten Luftfiltergehäuse kam.

87 PS Spitzenleistung und ein Drehmoment von 138 Newtonmeter versprach die Company für den 1690-ccm-V2. Und zumindest im Falle unserer Test-Street-Glide konnten wir diese Werte nicht nur glauben, sondern sogar bestätigen.

Wir hatten dieses Exemplar schon vor den Fotofahrten für diesen Vergleichstest im Redaktionsfuhrpark und uns war aufgefallen, wie ungewöhnlich gut der Ofen geht. Also haben wir sie gemessen und siehe da, die Test-Glide drückte doch tatsächlich 87,44 PS auf den Prüfstand, berechnet auf die Kupplung wohlgemerkt.

An der Kurbelwelle dürfte das Bike also sogar um die 90 PS haben. Weshalb dieses außerordentlich kräftig motorisierte Exemplar beim Drehmoment mit 129,53 Nm knapp acht Zähler hinter der Werksangabe blieb, ist unklar, juckt jedoch im Fahrbetrieb keine Sau.

Denn schon bei niedrigen 1950 U/min schwingt sich die Drehkraft wuchtig über die 100-Nm-Marke und verlässt diese erst wieder bei 5100 U/min. Dazwischen liegt ein Drehmomentgebirge von wohltuender Ausgeglichenheit. Leistungsglöcher und Drehmomenteinsacker sind dem Triebwerk fremd.

Harley-Davidson Street Glide

Harley-Davidson Street Glide

Ob unsere Test-Street-Glide motorenseitig ein Ausrutscher nach oben ist, konnten wir nicht klären, denn die Road King Classic war zum Zeitpunkt unserer Testfahrten neu, faktisch aus dem Karton. Aus Rücksicht auf die noch ausstehende Einfahrphase haben wir auf hochdrehende Messfahrten verzichtet.

Deshalb gibt es in diesem Kapitel auch keinen Sieger oder Verlierer. Theoretisch, also auf dem Papier, haben beide Bikes jedenfalls die exakt gleichen Leistungsdaten.

Kapitel Fahrwerk

Wie die Motoren, sind auch die Grundfahrwerke bei beiden Probanden gleich. Beide besitzen den gleichen Gabelwinkel (29°), den gleichen Lenkkopfwinkel (26°) und bis auf den Millimeter genau den gleichen Nachlaufwert (170 mm). Dazu kommt die exakt gleiche Fahrzeuglänge von 2450 Millimetern und der gleiche Radstand von 1625 Millimetern. Beide profitierten auch von dem von ehedem 42 auf jetzt 49 Millimetern gewachsenen Standrohrdurchmesser der Telegabel, wenngleich Harley-Davidson den Effekt noch höherer Stabilität etwas verschenkt durch die Tatsache, dass die Klemmung der Gabelbrücken immer noch etwas unterdimensioniert war. Mit einer fest zupackenden Dreifachklemmung an der unteren Brücke ginge noch deutlich mehr.

So weit, so gleich

Die fahrwerkstechnischen Unterschiede zwischen den Bikes lagen in der Größe des Vorderrads und den verschiedenen hinteren Federwegen begründet. Die trendige Street Glide war vorne mit einem stylischen 19-zölligen Niederquerschnittsreifen ausgestattet, dessen höhere Kreiselkräfte die Glide zwar nicht unhandlich machten, jedoch etwas stärkere Einlenkimpulse vom Fahrer einforderten.

Dies in Tateinheit mit der vergleichweise hochsitzenden, lenkerfesten Batwing-Verkleidung (Stichwort: höherer Schwerpunkt) bedingt, dass sich die Street Glide in schnellen Wechselkurven nicht ganz so behände hin und her werfen lies wie der Straßenkönig. Der rollte nämlich vorne wie hinten auf 16-Zöllern, eine Reifengröße, die dem Handling durchaus förderlich ist.

Harley-Davidson Road King Classic dämpft einiges mehr

Harley-Davidson Road King Classic

Ein Rätsel blieb auch, warum die Entwickler dem Street-Glide-Besitzer im Vergleich zur Road King ohne Not satte 22 Millimeter hinteren Federweg vorenthielten, ganz unabhängig davon, dass 54 Millimeter Federweg an der Hinterhand fahrwerkstechnisch für solch ein schweres Tourenmotorrad fast schon bedenklich wenig waren.

Schließlich dient die Federung eher als nette Beigabe dem Komfort der Passagiere. Ihre eigentliche, viel wichtigere Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass das Hinterrad nicht springt und stets Bodenkontakt behält. Da könnte die Street Glide gerne mehr können. Das Kapitel Fahrwerk ging deshalb an die Road King Classic.

Kapitel Bremsen

Hier gab es ausschließlich Erfreuliches zu vermelden. Beide Typen kamen seit dem Modelljahr 2014 mit dem neuen, sogenannten „Reflex“-Bremssystem. Damit meint Harley eine dynamisch agierende elektronische Bremskraftverteilung, die die Bremskräfte optimal jeweils auf die Vorderrad- und die Hinterradbremse verteilt.

Dieses in der Praxis hervorragend funktionierende System wird ab einer gefahrenen Geschwindigkeit von 40 km/h aktiv, darunter ist es abgeschaltet. Wir haben das von Bosch entwickelte und zugelieferte System schon auf etlichen neuen Tourern ausprobiert und sind begeistert. Dieses neue Verzögerungssystem ist aus Harley-Sicht ein wahrer Quantensprung für die Firma.

Eine Wertung unterbleibt allerdings, weil die Test-Road-King, wie schon erwähnt, nagelneu war und deren Bremsen noch nicht eingefahren.

Kapitel Komfort und Ausstattung

Indirekt ist über den Fahrkomfort weiter oben schon gesprochen worden. Beide Fahrzeuge verfügten über luftunterstützte Federbeine hinten. Die Road King konnte mit 76 Millimetern Federweg an der Hinterhand aber deutlich punkten. Das ist gegenüber den 54 Millimetern der Glide nicht nur sicherer, sondern auch bequemer.

Was Windschutz angeht, lassen sich die beiden Typen nur schwer vergleichen. Die Street Glide trug serienmäßig die flächige Batwing-Verkleidung, die neu gestaltet wurde und von dem damals neuen, „Slipstream“ getauften waagerechten Hinterströmungsschlitz profitierte.

Die Road King (re.) ist eine Winzigkeit leichter, fährt sich aufgrund ihrer Bereifung handlicher und bietet aufgrund längerer Federwege am Heck auch den besseren Fahrkomfort

Blöd nur, dass der serienmäßig verbaute Windschild aus stilistischen Gründen so kurz ausfällt, dass Personen ab 1,80 m die volle Wucht all des Fahrtwinds, den die Verkleidung sammelt, mitten ins Gesicht gestrahlt bekommt.

Aber auch die gottlob kinderleicht abnehmbare Scheibe der Road King Classic macht groß gewachsene Menschen nicht glücklich. Auch sie ist zu kurz geraten, weswegen der Autor jedwede Road King – wie auf den Bilder zu sehen – grundsätzlich ohne Windschild fährt; dann nämlich geht das mit dem Fahrtwind, wie auf jeder unverkleideten Maschine, voll in Ordnung.

Harley-Davidson Twin-Cam Road King Classic vs. Street Glide

Was die dingliche Ausstattung angeht, kam die Road King gegen die Street Glide nicht an. Wer gerne ein Instrumentenbrett wie im Mittelklasseauto hat, unbedingt Radio hören will oder ohne Bluetooth und USB-Port nicht leben kann, der muss zur Street Glide greifen. Auch lassen sich deren Hartschalenkoffer durch das neue, genial einfache Verschlusssystem einhändig bedienen.

Instrumenten- und Infotainment-Fans werden das Cockpit der Street Glide lieben, Puristen reicht die Single-Uhr der Road King

Die Fahrer einer Road King Classic mussten da schon deutlich mehr Geduld aufbringen, um die beiden mit Kunstleder bezogenen Koffer zu- oder aufzufrickeln. Summa summarum kann die Street Glide nur mit ihrem Infotainmentpaket und dem Kofferverschlusssystem punkten. Das genügt aber nicht gegen die Road King, die komfortabler federt und zudem mit einem Handgriff windschutzscheibenlos gemacht werden kann. Die Komfortwertung geht aus unserer Sicht an die Road King.

FAZIT: Road King Classic oder Street Glide?

Die Road King ist eine Winzigkeit leichter, fährt sich aufgrund ihrer Bereifung handlicher und bietet aufgrund längerer Federwege am Heck auch den besseren Fahrkomfort. Große Fahrer können zudem ohne Werkzeug die Windschutzscheibe abnehmen, was den Fahrkomfort im Kopfbereich nochmals deutlich erhöht. Dürften wir uns eine von beiden für unsere Garage aussuchen, gäbe es keine Qual der Wahl: Straßengleiter hin oder her, es lebe der König!

 

www.dream-machines.de