Man sagt den Ungarn ein hohes Maß an Fingerfertigkeit, Geschicklichkeit, Kreativität und Improvisationstalent nach. Immer wieder findet man Bikes auf internationalen Ausstellungen, die aus dem Land des Paprikas und Gulaschs stammen. So auch dieser Boardtracker mit einem Harley-Shovelhead im Eigenbau-Rahmen.

Einer dieser Schrauber ist Emmerich. Er lebt sehr bescheiden in einem kleinen Haus am Nordrand von Budapest. Seine Liebe gilt sowohl den zwei- als auch den vierrädrigen Fahrzeugen. Emmerich ist noch ein Mechaniker der alten Schule, der einfach ALLES reparieren kann. Da wird schon mal eine alte Schuhsohle zur Dichtung oder ein vergammeltes Eisenstück zur Motorhalterung: „Alles keine Problem“ ist sein Leitspruch. Doch der Budapester ist nicht nur Mechaniker, er versteht es auch, ganze Bikes zu bauen, wie er mit dieser Harley eindrucksvoll bewiesen hat.

Die Räder konnte Emmerich übers Internet besorgen. Dann enstanden aus Stahlrohren die Parallelogrammgabel und das hinten zeitgenössisch authentische, starre Fahrgestell in Mono-Backbone- und Single-Downtube-Konfiguration

Es war wie so oft ein Zufall. Emmerich besuchte einen Freund, der gerade dabei war, seine Garage auszumisten. Alte Reifen, alte Möbel, alte Elektrogeräte und … ein alter Motor. Woher der alte, vergammelte Motor stammte, wusste niemand mehr, denn er diente viele Jahre lediglich als Sitz-gelegenheit. Emmerich sah in dem alten V2 jedoch keinen Sessel, sondern die Basis zu einem neuen Projekt, das schon seit einem Jahrzehnt in seinem Kopf schwebte. Schnell waren sich die beiden handelseinig und für ein paar Forint und eine Flasche Aprikosenschnaps wechselte der Motor den Besitzer.

Harley-Shovelhead im Eigenbau-Rahmen

Wie sich sehr bald herausstellte, hatte Emmerich einen originalen 1200er Shovelhead aus dem Jahr 1970 ergattert. Noch am selben Abend wurde das Aggregat in sämtliche Einzelteile zerlegt. Böse Überraschungen blieben aus und so stand für Emmerich fest: „Jetzt baue ich mein Traumbike.“ Es fehlten lediglich noch unwesentliche Baugruppen wie Rahmen, Gabel, Räder, Getriebe, Tank und eine unendlich große Zahl an Kleinteilen. Doch das schreckte den Magyaren nicht ab – alles keine Problem!

Mutige Konstruktion: Seilzugbetätigte, innenumfassende Bremszange

Auf einem Flohmarkt fand er für 400 Euro eine passendes Getriebe und schon war der Antrieb fertig. Aus gezogenen Rohren fertigte er den Rahmen. Old School wie in den 20ern zeichnete er dazu mit Kreide eine Skizze auf den Boden, nach der er die Rohre formte. Rahmenlehren oder Computerskizzen brauchte er nicht, denn er hatte alles in seinem Kopf, und außerdem – alles keine Problem. Welchen Stil er dem Bike verpassen wollte, das stand von Anfang an fest, es sollte den Boardtrack-Racern der 20er Jahre ähneln.

Alles kein Problem

Gebrauchte 21-Zoll-Räder erstand er im Internet, dann musste er nur noch für die passende Bereifung sorgen. Für die Gummis reiste Emmerich extra bis nach Serbien. Dort und nur dort bekam er alte Eisspeedway-Pneus, die er für seine Zwecke umfrickelte. Weihnachten und Silvester fielen vergangenen Dezember aus, denn der Ungar war wie besessen von seinem Projekt. Auch die Gabel entstand in Eigenregie. Schnell ein paar Skizzen gezeichnet, das Schweißgerät angeworfen und flugs hing die Gabel im Rahmen – alles keine Problem.

Das Rücklicht ist ein echtes Oldtimerteil von einem alten Ford

Ein Highlight an dem Bike sind mit Sicherheit auch die Tanks. Hierzu trieb Emmerich Aluminiumplatten mit einem Hammer in die richtige Form. Dazu legte er sich die Teile auf seinen Oberschenkel und drosch drauf los. In der rechten Tankhälfte ist das Öl der Trockensumpfschmierung untergebracht, die linke Hälfte ist für Benzin.

Ungarisches Erbe: Mit einer Traktorfarbe strich Emmerich seinen Tracker

Lenker, Sitz, Bremse, Kotflügel – ein Teil nach dem anderen entstand. Nachdem alle Komponenten angefertigt waren, ging es an die Farbe. Emmerich ist stolzer Ungar und die wiederum bauten in den 70er Jahren bullige Traktoren der Marke Dutra. Und genau mit dieser Traktorfarbe erfolgte der Anstrich. Klingt simpel und ist dazu auch noch – alles keine Problem.

Erste Probefahrt

Diesen März war es so weit. Nach einem halben Jahr Bauzeit stand die erste Probefahrt auf dem Programm. Emmerich kickte den alten Shovelhead zum ersten Mal nach gut zwanzig Jahren Ruhephase an und der lief sofort wie am ersten Tag. Die Gänge ließen sich problemlos einlegen und der Sound, der über die Auspuffanlage ins Freie gelangte, war ohrenbetäubend. Emmerich hatte es geschafft. All jene, die dem Projekt eher skeptisch gegenüber standen, wurden eines Besseren belehrt. Emmerich wusste ja schon immer: Alles keine Problem …

 

 

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