Rudge Harley Racer – The Hulster

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Bereits vor 20 Jahren nahm Stellan Egeland mit einem Bike an der Europameisterschaft der Customizer teil. Der Lohn für seine „Esox Lucius“ war der zweite Platz und ein Ticket zur WM in Sturgis. Dort belegte der Schwede einen respektablen dritten Platz. Das schrie nach Wiederholung. Und die war erfolgreich, denn mit diesem Rudge Harley Racer wurde er schließlich erster europäischer Custombike-Weltmeister!

Mit seiner Esox Lucius erregte der Inhaber von SE Service im letzten Jahr weltweit großes Interesse. Normalerweise schraubt er in seiner Werkstatt an hubraumstarken amerikanischen Straßenkreuzern. Doch angefixt durch seinen Erfolg plante er bald ein weiteres Bike.

Mit recht stolz auf sein Tun: Stellan ließ das Logo seiner Firma „SE Service“ in den Kopf mit eingießen

Mit den Worten „Das war total cool hier. Ich muss nächstes Jahr unbedingt mit einem neuen Bike wieder hierher nach Sturgis“, gab er bereits kurz nach der Preisverleihung ein Versprechen. So begannen die Planungen für ein weiteres spektakuläres Bike. Stellan schwebte ein Motor mit offen sichtbarem Ventilantrieb vor.

Die alten, englischen Rudges hatten legendäre Vierventilmotoren

Er hatte vor, einen Shovelhead in dieser Richtung umzubauen. Da trat ein begeisterter Fan seiner „Esox Lucius“ an ihn heran. Thomas Grandell schraubt gemeinsam mit seinem Vater an alten britischen Rudge-Ulster-Bikes herum.

Mittels Kipphebelbrücke kann ein Stößel zwei Ventile steuern

Er wollte Stellan ein weiteres Exemplar des an dem Bike verbauten „Luzifer“-Fahrradscheinwerfers überlassen. Ein Besuch bei Thomas und die Besichtigung seines Fahrzeugbestandes lenkten Stellans Pläne in gänzlich neue Bahnen. Die alten, englischen Rudges mit ihren legendären Vierventilmotoren begeisterten ihn total.

Zuerst wollte Stellan Rudge-Köpfe mit dem Gehäuse und den Zylindern eines Flathead-Motors vereinen

„Stellan dazu: „Der Kerl zeigte mir einige dieser Vierventilköpfe von Rudge Ulsters. Die sahen so geil aus, dass ich mir vor Begeisterung fast in die Hose gemacht hätte.“ Auch die Optik der meist als Rennmaschinen eingesetzten Bikes zog ihn in ihren Bann. Ab da stand die weitere Richtung fest.

Filigraner Schick: Messing-Ölleitungen

Zuerst wollte Stellan solche Köpfe mit dem Gehäuse und den Zylindern eines Flathead-Motors vereinen. Doch der erforderliche Winkel der Stößelstangen passte nicht zur Geometrie des Harley-Blocks. Die Ulster-Motoren von Rudge waren schließlich Einzylinder und nicht auf V2-Technik-Geometrien eingerichtet.

Ein Knucklehead-Gehäuse diente als Basis für den V2 des Rudge Harley Racers

So entschied sich der Erbauer dafür, ein Knucklehead-Gehäuse als Basis zu nutzen und die Zylinder sowie die Köpfe selbst zu konstruieren. So erklärt sich auch der Name des Bikes. Das „H“ vor Ulster steht für Harley und beschreibt so die Kombination.

Minimaler Federweg der Upside-down-Gabel

Mit den Rudge-Köpfen als Vorbild schnitzte Stellan welche nach eigenen Vorstellungen in Plastik. Von einer Gießerei ließ er sich dann Duplikate seiner Vorlagen aus Aluminium anfertigen. Diese erhielten natürlich auch das „SE Service“-Logo.

Eine Menge Handarbeit steckt in der Anfertigung der radialen Köpfe

Mit Hilfe seines neuen Freundes Thomas bekamen die radialen Köpfe ihr endgültiges Aussehen. Eine Menge Handarbeit steckt in der Anfertigung dieser Einzelstücke. Die Kipphebel wurden per Wasserstrahlschneider aus dem Spezialstahl Weldox 900 gefräst.

Schnellversteller: Handräder zur Dämpfungsanpassung

Das nächste Problem war der Antrieb der Ventile. Die originale Nockenwelle war dafür ungeeignet. Eine Sonderanfertigung von Andrews für die besonderen Spezifikationen konnte hier Abhilfe schaffen.

Der helle Wahnsinn – Rudge Harley Racer mit Eigenbau-Zylindern

Nun ging es an die Anfertigung von Zylindern. Die alten Rudge-Motoren hatten welche aus Bronze, doch Stellan bevorzugt eigentlich Aluminium. Doch warum es nicht mal mit Bronze versuchen?

Jedes einzelne Detail ist ein Traum: Das teilpolierte Norton-Getriebe

Ein weiterer Klumpen Modelliermasse wurde in die passende Form gebracht. Dann war die Gießerei wieder am Zug. Nachdem der Motor soweit gediehen war, wurde es Zeit, den passenden Rahmen zu konstruieren.

Es sollte ein Bike im Stil eines 1920er Speedway-Racers entstehen

Der sollte so schmal wie nur möglich ausfallen. Bei der Entwicklung arbeitete Stellan wieder mit dem professionellen Designer Michael Hallgren zusammen. Der war auch schon am Entstehen der „Esox Lucius“ beteiligt.

Die Gaszugbetätigung über zwei Umlenkrollen aus Messing

Als Vorgabe erhielt er von Stellan den Wunsch, ein Bike im Stil eines 1920er Speedway-Racers zu entwerfen. Auf eine Bremse am Vorderrad verzichtete der irre Schwede gleich komplett. Viele weitere verrückte Details machen das Betrachten dieses Bikes zu einer nie langweilig werdenden Angelegenheit.

Nach knapp acht Monaten oder 900 Arbeitsstunden war das Meisterwerk fertig

Technikbegeisterte können sich an den mechanischen Lösungen kaum satt sehen. So zum Beispiel am Öltank, der gleichzeitig die Aufgabe des Trägers für Motor und Getriebe übernimmt. Eigentlich hatte Stellan sogar geplant, ein altes Eisspeedway-Getriebe zu verbauen: „Das wäre auch cool gewesen, mit nur zwei Gängen rumzufahren, wenn fast alle anderen sechs haben.

Der Primärtrieb, der die Kraft per Kette zum hochgelegten Kupplungskorb weiterleitet

Doch am Ende hat mich die Schönheit des Norton-Gehäuses überzeugt und ich musste es einfach verbauen,“ erklärte uns der stolze Erbauer. Weiteres geniales Detail ist der von einer Kette angetriebene, kleine Fahrradnaben-Dynamo, der als Lichtmaschine dient. Nach knapp acht Monaten oder 900 Arbeitsstunden war das Meisterwerk fertig.

der Custombike-Bau ist ein reines Hobby von Stellan

Es vereinigt hohe handwerkliche Präzision mit gnadenlos geilen Ideen und perfekter Umsetzung. Unglaublich, wenn man bedenkt, dass der Custombike-Bau ein reines Hobby von Stellan ist, dem er nur an langen Abenden und am Wochenende nachgehen kann, denn das Hauptgeschäft von ihm und seinem Partner Drusse ist das Tuning und der Umbau von V8-Cars. Während des Baus der „Hulster“ hatte der Schwede naturgemäß wenig Schlaf.

Selbst der Öleinfüllstutzen versprüht durch seine unverschämte Grobporigkeit einen ganz eigenen, urigen Charme

Freunde und Familie kamen auch deutlich zu kurz. Doch lachend meinte er zu uns: „Was soll’s, wenn ich demnächst in einer Gummizelle in der Klapse sitze. Wenn ich dann den Ring des Worldchampions of Custombike Building an der Hand trage, ist mir das egal.“ Na bitte, hat ja geklappt!

Info | Facebook – Stellan Egeland

Die Quelle der Inspiration

Die klassische britische Marke Rudge existierte seit 1868. Gründer und Namensgeber Dan Rudge baute damals Fahrräder. Nach seinem Tod wurde die Firma verkauft, behielt aber den Namen. Seit 1912 brachte sie erste Motorräder auf den Markt. 1924 erschien der legendäre 500 ccm Einzylinder-Vierventilmotor mit offenliegendem Ventiltrieb.

Ein Exemplar mit diesem Motor gewann 1929 den Ulster Grand Prix und das Modell wurde fortan als Rudge „Ulster“ vermarktet. Ab 1930 erhielten alle Ulster-Käufer eine schriftliche Garantie darüber, dass ihr Motorrad bei Bedarf eine Vmax von 100 Meilen pro Stunde (160,9 km/h) erreicht, für die damalige Zeit ein enormer Wert. Auf den Rennstrecken der damaligen Zeit war der Name Rudge denn auch bestens bekannt. Trotzdem ging die Firma 1933 in Konkurs.

Technische Daten
Erbauer Stellan Egeland, SE Service/Schweden

Motor
Typ Lower End: H-D Knucklehead/SE Service
Hubraum 1500 ccm
Zylinder SE Service, Bronze
Köpfe SE Service, 4-Ventiler
Nockenwelle Sonderanfertigung Andrews
Vergaser 2 x Amal GP
Auspuff SE Service
Zündung Fairbanks-Morse Magneto, modifiziert von Morris Magneto
Getriebe Norton, 4-Gang
Primärtrieb Kette
Kupplung Norton
Sekundärtrieb Kette
Fahrwerk
Rahmen SE Service, Stahlrohr 25 und 32 mm
Rake 28°
Gabel SE Service
Räder Eninco 23” mit Mitas 2,75 x 23“
Bremse hinten 70er Jahre Motocross-Bremse
Zubehör
Tank SE Service, Aluminium
Öltank SE Service, Aluminium
Lenker SE Service
Sitz Brooks, Fahrradsattel
Fußrasten SE Service
Scheinwerfer Lucas
Rücklicht aus der Bucht gefischt
Lackierer Ray Hill

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Fotos: Siwer Ohlsson
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