Es gibt Augenblicke, da stehst du vor einem Bike und fragst dich: „Was ist das denn?“ Umso besser, wenn die Auflösung des Rätsels hochinteressante Fakten bereithält. Mabeco – eine Indian made in Germany.

Bei einem Besuch bei Vintage Motorcycles in Eicklingen stand sie da, die 1926er Mabeco. Ich schlenderte auf das Bike zu und dachte mir, was für ein Frevel es doch sei, einen fremden Tankaufkleber auf eine Indian Scout zu kleben. Ich fragte Maik Engel, was das denn soll.

Mabeco – Ein Indian-Klon aus Berlin

Er sah mich nur erstaunt an und sagte, dass es nicht viele Mabecos mit allen Originalteilen gibt und noch weniger solche, die damals für die Steilwand umgerüstet wurden. Okay, dachte ich, wieder etwas gelernt und fragte interessiert, was Indian denn dazu gesagt hat, dass eine andere Firma in den USA ein Bike produziert, das der Scout so ähnlich sieht. Und schon bekam ich die nächste Klatsche: „Wieso USA“, war die Antwort, „die Öfen wurden in Berlin gebaut.

Die gelungene Kopie einer Indian Scout stammt aus dem Jahr 1926

Und Indian fand das gar nicht lustig, so dass die Produktion 1927 eingestellt werden musste.“ Nun war mein Interesse geweckt, ich begann zu forschen. Mabeco wurde 1922 von Max Bernhardt und Co. gegründet, woraus sich der Name ableitet. In Berlin lag die Wirtschaft unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg in Agonie. Deshalb konnte Prof. Bernhardt den ehemaligen Flugmotorenproduzenten Siemens & Halske für sein Projekt gewinnen.

Der Versailler Vertrag erlaubte keine Flugmotoren

Den deutschen Firmen war es zu dieser Zeit per Dekret des Versailler Vertrags nicht erlaubt, Flugmotoren zu produzieren, und so hatte Siemens & Halske reichlich Produktionskapazitäten frei. Max Bernhardt fuhr zu jener Zeit eine 600er Indian und war begeistert von dem Bike. Er und Siemens & Halske als Hauptgeldgeber beschlossen, ein sehr ähnliches Bike zu produzieren. Lediglich die Gabel wurde geringfügig geändert und auf den in Berlin gefertigten Motoren prangte anstatt des Indianerkopfes der Mabeco Schriftzug.

Lange vor den Chinesen: 1:1-Kopien sind kein Problem der Neuzeit

Das Motorrad verkaufte sich aufgrund seines hohen Qualitätsstandards recht gut. Mabeco baute bis 1925 um die 3400 Motorräder, bis sich die Herren ihrer Sache offenbar zu sicher wurden, denn sie begingen einen Kardinalfehler: Die bis dahin grün lackierten Motorräder bot man plötzlich auch in „Indian“-Rot an, was die Indian Motocycle Company aus Springfield auf den Plan rief.

Indian verklagte Mabeco

Indian verklagte Mabeco, und diese Klage endete mit einem Vergleich, der Mabeco strikt verbot, weiterhin die V2-Scout-Klone zu verkaufen. Zwar wurde daraufhin noch ein 350-ccm-Zweitaktmotor entwickelt, der ging aber nie in Serie, weil Siemens & Halske inzwischen wieder seiner eigentlichen Profession, dem Bau von Flugzeugmotoren, nachging. So endete ein Stück deutscher Motorradgeschichte im Jahre 1928 mit der Schließung von Mabeco.

Eine einzelne Außenbandbremse am Hinterrad ist für die Verzögerung zuständig

Neben einigen Einzelanfertigungen, die sehr erfolgreich bei Rennen eingesetzt wurden, kam die Mabeco, genau wie ihr Vorbild Indian Scout, oftmals in der sogenannten „Wall of Death“ zum Einsatz, da sich die Maschinen hervorragend für den Einsatz in den engen Steilwand-Holztrommeln von zirka 7 bis 10 Meter Durchmesser eignen. Eine gute Bodenfreiheit so wie ein starrgelegter Sitz sind die wichtigsten Attribute für den Steilwandfahrer.

Mabeco von 1926 – 12 Pferdestärken bei 2200 Umdrehungen

Das hier vorgestellte, seltene Exemplar von 1926 verfügt über einen 750 ccm Siemens & Halske-Motor, der seinerzeit 12 PS bei 2200 U/min leistete. Bohrung und Hub entsprechen exakt den Maßen des Indian-Triebwerks und auch Vergaser sowie andere Anbauteile könnten theoretisch eins zu eins an eine Scout montiert werden.

„Wieso USA, die Öfen wurden in Berlin gebaut”

Da für den Einsatz in der Steilwand Teile wie Tachometer und Beleuchtungseinrichtungen völlig überflüssig sind, wurden sie bei diesem Exemplar, das aus einer Privatsammlung stammt, irgendwann einmal demontiert. Leider ist nicht überliefert, durch wen und wann das Bike damals umgebaut wurde und was mit den heute wertvollen Teilen passiert ist. Doch auch in der gestrippten Steilwand-Version macht die deutsche Scout-Kopie eine blendende Figur.

 

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