Ohne jeden Zweifel setzt die Indian Challenger gegenüber der Road Glide von Harley-Davidson voll auf Attacke, allein die Modellbezeichnung sagt schon alles. Wir haben getestet, ob die Jungs aus Minnesota ihre Hausaufgaben gemacht haben.

Es zeugt schon von einer guten Portion Selbstvertrauen, wenn ein Fahrzeughersteller ein Konkurrenzprodukt dermaßen offenkundig kopiert, dass man die beiden im Schattenriss nur schwer unterscheiden könnte. Allerdings haben die Indian-Leute nur das Konzept der Harley Road Glide imitiert, was die Technik angeht, gingen sie wie gewohnt eigene Wege.

Der Komfort ist auch auf schlechten Strecken überragend, der Motor eine Wucht

 

Die Challenger – nur eine Imitation?

Herzstück der Challenger ist eindeutig der völlig neu entwickelte Motor. Es handelt sich um einen V2 mit 60 Grad Zylinderwinkel, 1768 Kubikzentimeter Hubraum und Wasserkühlung. Will man bei solch großen Einzelhubräumen eine gute Füllung erreichen, kommt man um vier Ventile pro Zylinder nicht herum. Der große Unterschied: Im Gegensatz zum langhubig ausgelegten Konkurrenten aus Milwaukee ist der Motor der Challenger ein Kurzhuber, gemäßigt zwar, doch der Bohrung von 108 Millimetern steht ein Hub von 96,5 Millimetern gegenüber. Das spricht für Drehfreude. Ein Rätsel bleibt, wie man angesichts dieser technischen Konfiguration 178 Newtonmeter generieren kann, doch die Indianer haben das geschafft.

Im Sportmodus dreht die Challenger mächtig auf

Die Tourenmodi bringen Abwechslung

Auf der Straße waren wir allerdings zunächst etwas enttäuscht von der gebotenen Performance, immerhin stehen nicht nur ein gewaltiges Drehmoment, sondern auch 122 PS Leistung auf dem Papier. Die Lösung des Problems war aber schnell gefunden und noch schneller behoben. Fakt ist: Die Challenger lässt sich in drei unterschiedlichen Fahrmodi bewegen, nämlich Regen, Standard und Sport. Wir waren im Modus Standard losgefahren, in dem der Motor durchaus seine Mühe hat, den fast acht Zentner schweren Brocken standesgemäß zu bewegen. Vor allem die mangelnde Elastizität im unterstes Drehzahlbereich um 1500 – 1600 U/min ließ den Challenger-Motor im Vergleich zu dem langhubigen Milwaukee-Eight 114 etwas alt aussehen. Ohne Frage: Der Harley-Motor kann im tiefsten Drehzahlkeller mehr überzeugen.

Am stabilen Fahrwerk gibts nichts zu mäkeln

Happy-End im Sportmodus

Dann haben wir den Fahrmodus auf „Sport“ geändert (klingt schon ein bisschen komisch bei solch einem riesigen Touren-Eisen), und hatten fortan ein völlig anderes Motorrad unterm Hintern. Und zwar im positiven Sinne! Jetzt war plötzlich Leistung in Hülle und Fülle an Bord, unmittelbar kam Freude auf beim Fahren. Im Sport-Modus drückt der Challenger-V2 wahnsinnig spontan an, denn jetzt kann er die Vorteile seiner kurzhubigen, drehzahlfreudigen Auslegung voll ausspielen. Mühen mit dem Fahrzeuggewicht sind nicht mehr erkennbar, die angegebenen 122 PS Leistung sind mehr als glaubhaft. So gesehen gab es beim Thema Motor doch noch ein Happy End, aber nur dank des Sport-Modus.

Kurios: der Sekundär-Belt läuft durch den Auspuffsammler

Hier läuft einiges schief

Im Sattel des Tourentrumms haben uns einige Dinge erfreut, andere ein wenig genervt. Fangen wir mit denjenigen Ausstattungsdetails an, die Kopfschütteln verursachen. Wie können die Indian-Leute den gleichen Fehler machen wie Harley und solch ein hochpreisiges Fahrzeug serienmäßig ohne Schaltwippe ausliefern? Ein Trittbrett-Tourer ohne Schaltwippe ist ein Unding! Ebenso unverständlich ist, dass zwar der Handbremshebel ergonomisch einstellbar ist, für einen ebensolchen Kupplungshandhebel hat dann aber offenbar das Geld gefehlt. Und warum muss der Fußbremshebel dermaßen hoch über dem Trittbrett positioniert sein, dass bei jeder Bremsung das komplette rechte Bein über 12 Zentimeter in die Luft gehievt werden muss. Auch sitzt der serienmäßig montierte Sturzbügel viel zu nahe an der vorderen Trittbrettkante und hat bei Schuhgröße 45 des Öfteren beim Schalten gestört. Und der Blinkerschalter an der linken Lenkerarmatur ist für den Daumen nur dann erreichbar, wenn die Kupplungshand ein wenig weggenommen wird vom Griff. Ergonomie geht anders.

Das Cockpit ist überbordend bestückt, die Verkleidung top!

Von Einlenkimpulsen und Monoblock-Bremsen

Dafür hat uns das Handling, die Sitzposition und die allgemeine Verarbeitung für die Challenger eingenommen. Zwar kann man auch bei ihr das viele Gewicht rund um den Lenkkopf nicht wegdiskutieren, aber nach einer Eingewöhnungsphase hat man verinnerlicht, dass das Einlenken eines gewissen Inputs durch den Fahrer bedarf; diese mächtige Verkleidung an der Front fordert einfach ihren Tribut. Aber sie kann noch mehr! Nämlich sehr gut vor dem Fahrtwind schützen, erst recht, wenn man die stufenlose, elektrische Höhenverstellung nutzt, die auch während der Fahrt funktioniert. Davon sollte sich Harley mal eine ganz dicke Scheibe abschneiden. In einem Punkt aber kann die Indian den Milwaukee-Tourern nicht das Wasser reichen, denn die Bremsen, obwohl feine italienische Monoblockware von Brembo, kommen an die fulminante Verzögerung von Harleys Integralbremssystem nicht heran.

Das Bike liegt herrlich in der Kurve, verlangt aber Input vom Fahrer

Fazit

Unser Fazit: Im Introtext haben wir davon gesprochen, zu testen, ob die Indian-Ingenieure ihre Hausaufgaben gemacht haben. Die Antwort ist: Im Großen und Ganzen ja, aber es gibt da ein paar Nickligkeiten, die mit wenig Aufwand zu beseitigen wären. Das Bremssystem gehört in jedem Fall aufgerüstet. Am stabilen Fahrwerk gibt’s nicht zu mäkeln, der Federungskomfort erwies sich auf Schlechtwegstrecken als überragend und der Motor ist in richtigen Modus eine Wucht. Denn merke: Wer auf Sport stellt, wird Tourensturm ernten!

 

Kontakt | www.indianmotorcycle.de