Wer käme hierzulande auf die Idee, dem Flathead einer Harley WLA einen Turbolader zu verpassen? Ex-Motocrosser Steve Garn jedenfalls kannte da bei seinem Umbau da keine Schmerzgrenze.
Als ich die „Flat out-Flattie“ zum ersten Mal in der Old-Style-Meute bei Willie’s Tropical Tattoo in Daytona sah, dachte ich spontan, dass das sechste oder siebte Bud Ice am Vorabend wohl schlecht gewesen sein muss. Meine Netzhäute sandten Bilder ans Hirn, die irgendwie nicht sein konnten. Oder etwa doch?
Harley WLA Umbau – Flathead mit Turbolader
‚Das ist eindeutig ein Turbolader‘, meldeten die Augen. Der für die Vernunft zuständige Teil des Gehirns konterte: ‚Aber das ist ein uralter WL-Motor. Kann also nicht sein!‘ Zudem glich das komplette Gerät mehr einem Fahrrad als einem Motorrad. Boah, was für ein verrückter Bock. Ungläubiges, aber anerkennendes Kopfschütteln war die Folge.

Diese megageile Granate mussten wir unbedingt haben. Sobald klar war, wer der Besitzer war, wurde ein Foto-Shooting mit ihm arrangiert. Visitenkarte und DREAM-MACHINES-Probeheft wechselten den Besitzer, und nach kurzem Überfliegen des Magazins war Steve Garn sofort dabei. Das Interesse eines europäischen Fach-Magazins schmeichelte dem Erbauer natürlich.
wer baut solche filigranen, schnittigen Parallelogramm-Gabeln?
In der milden Abendsonne ging’s dann auf Achse zirka 10 Kilometer zur Foto-„Location“. Die aufgeladene WL schnürte geschmeidig wie ein Wiesel durch den Bike Week-Verkehr. Während die Standfotos geschossen wurden, war Zeit, den Erbauer über das Bike zu befragen. Er sei eigentlich im Fahrradrahmen-Business tätig, erklärte Steve. Zumindest war damit die extrem schlanke Linie des Bikes halbwegs erklärt.

Ich hakte nach: „Der Rahmen ist also selbst gemacht. Aber wer baut solche filigranen, schnittigen Paralleogramm-Gabeln?“ „Auch von mir“, gab Steve verschmitzt lächelnd als Antwort. Ich schaute genauer hin. Vor mir stand absolut feinstes Material. Meine Achtung wuchs und ich fragte mich, wieso ich von dem Kerl bisher noch nie was gehört hatte. „Wir sind eigentlich keine Bike-Builder. So was wie das hier machen wir ab und an nur so zum Spaß“, erklärte Steve.
auffallend professionelles Finish des skurrilen Seitenventilers
Viel später, zu Hause in Deutschland am Computer, verriet die Website von Steves Firma BREW, dass der Ami ganz schön untertrieben hatte. Seit 1974 im Geschäft, sind Wettbewerbs-Fahrräder mit Rahmen von BREW unter Vollprofis heiß begehrt, unter anderem beliefert die Firma aus North Carolina die amerikanische Triathlon-Nationalmannschaft, die auch beim Olympia antritt.

Als ich all das wusste, wunderte ich mich natürlich nicht mehr über das auffallend professionelle Finish des skurrilen Seitenventilers. Ob das mit dem Bike-Namen „Flat out Flattie“ so richtig ernst zu nehmen ist, können wir nicht beurteilen (‚Flat out‘ heißt so viel wie ‚Vollgas‘), unserem Reportergefährt folgen konnte Steve allerdings erstaunlich flott. Die Baugruppen, die für die Kraftübertragung ans Hinterrad zuständig sind, sind weitgehend modern.
Bei nur 171 Kilogramm Trockengewicht hat der Flathead Leichtes Spiel
Kupplung und Primär von BDL stammen aus der Jetztzeit, das 4-Gang-Getriebegehäuse aus dem Jahr 1984 bestückte der ehemalige Geländesportler, der in der 125 ccm-Klasse immerhin einmal Dritter der American Motocross League war, mit neuen Zahnradpärchen von Andrews. Und ganz gleich, wieviel Kraft der alte Seitenventiler von 1945 in der Turbo-Version nun haben mag, mit dem trocken nur 171 Kilo wiegenden Schnuckelchen hat er jedenfalls leichtes Spiel.
Info | Brew Bikes


















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