Bei Familie Gietl im oberpfälzischen Wernberg wird Hand in Hand geschraubt. Und auch wenn Projekte dringend fertig werden müssen, lassen sich Vater Raimund und Sohn Christian nicht aus der Ruhe bringen

Zwei Zeitpunkte im Jahr sind für Werkstätten und Custombetriebe entscheidend – und unter Umständen etwas stressig. Zum einen der Saisonstart, wenn alle ihre Böcke frisch und sauber auf der Straße haben wollen. Zum anderen der Herbst und der Winter, wenn die Messen und Bikeshows anstehen, auf denen Customizer ihr Können zeigen und im Idealfall den Grundstein für neue Kundenprojekte legen können.

Auch bei Familie Gietl läuft das so. Aber wenn man über den Sommer mehrere Bikes – inklusive des eigenen Bobber-Umbaus – verkauft, so wie Christian Gietl, dann kann es für die Showsaison schon mal eng werden. Also schnell neu und vorzeigbar bauen, in diesem Fall blieben dafür nur wenige Wochen, neben dem normalen Tagesgeschäft versteht sich.

Der Auspuffendtopf ist per Seilzug manuell soundverstellbar

Als Grundstein dient eine Springer Softail, Baujahr 2005. »Die Twin Cams der ersten Jahre sind unsere bevorzugten Basisbikes«, erklärt Christian, »die haben wir eigentlich für Kunden mit dem Wunsch nach einem Komplettumbau immer an Lager.« In diesem Fall war die Softail vom Vorbesitzer bereits umgebaut worden. Ein paar der verwendeten Teile gefielen Christian gut und passten in das Konzept des Bobbers, der entstehen sollte.

Der große Zeitfresser: die Polierarbeiten per Hand

Weil die Zeit knapp war, konnte so außerdem Aufwand gespart werden. Besonders die 16-Zoll-Billet-Alufelgen mit Lochdesign schlugen zu Buche. Hier war es lediglich notwendig, die über die Jahre angelaufenen Felgen wieder auf Hochglanz zu polieren, »per Hand«, wie Christian seufzend anfügt.

Was in der Folge nun schön glänzt, darf gern als Vorlage und Inspiration für weitere Maßnahmen gelten, »es ergibt ja schon Sinn, wenn das restliche Design zu diesen auffälligen Stücken passt«, weiß der Customizer. So ist zum Beispiel die Scheinwerferhalterung, ein hauseigenes Produkt, mit denselben auffälligen Zierbohrungen versehen.

Der Cole-Foster-Tank ist ungebrochen beliebt für Oldschool-Harley-Customs. Um die elektronische Einspritzung unterzubekommen, musste er hier allerdings stark modifiziert werden

Fahrwerksseitig wurde der Heckrahmen entfernt, hinten ist das Bike tiefergelegt. Die kurze Springergabel wurde gecleant, die Blinker sind in ihr integriert. Auf ihr thront ein Lenker aus eigener Fertigung samt sauberen Tastschaltern. In dem Zug wurde die komplette Elektrik neu verlegt und aufs Wesentliche reduziert, »ich hasse überflüssige Kabel«, merkt Christian an.

Der Tank wurde aufwendig modifiziert

Der markante Cole-Foster-Tank musste recht aufwendig modifiziert werden, den tiefen Tunnel gibt es nämlich nur mit Benzinhahn. Da hier aber eine elektronische Einspritzung erfolgt, wurde eine Sportster-Benzinpumpeneinheit samt Tankentlüftung eingesetzt. Ein Big-Sucker- Kit mit selbst gefrästem Deckel im Design der Felgen ersetzt den originalen Luftfilter. Eine Stellschraube zur manuellen Standgasregulierung wird außerdem verbaut. Das Eigenbau-Zündschloss dient gleichzeitig als Motorhalterung.

Um den gewünschten Look zu erzielen, wurde der Heckrahmen entfernt und das Bike hinten tiefergelegt

Die Krümmeranlage war schon verbaut, Christian setzt aber einen neuen Endtopf ein, der per Seilzug manuell soundverstellbar ist. Damit steht der Rohbau des Bikes, allerdings fehlt noch eine flotte Lackierung. Pech ist es aber, wenn dein Lackierer ausgerechnet jetzt im Urlaub ist und du die Kiste pünktlich zur ersten Herbstmesse fertig haben musst.

Christian fackelt nicht lange, er übernimmt den Job selbst. Blattsilber und blaue Farbe sollten zusammen wirken, vor seinem Urlaub hatte Christians Lackierer dem Customizer immerhin noch seine Utensilien vorbeigebracht. Der Selbstversuch gelang letztlich erstaunlich gut.

Lederarbeiten gingen nach Italien

Alle Lederarbeiten, wie die Sitzbank, wurden außerdem vorgezeichnet und bei Ends Cuoio in Italien gefertigt. Praktisch dabei, dass die Gietls den Deutschland-Vertrieb der italienischen Ledermanufaktur bereits übernommen haben.

Die zu erledigenden Lederarbeiten, wie die Sitzbank und Seitentasche, wurden vorgezeichnet und in Italien gefertigt

Und tatsächlich, eine Woche vor der ersten Messe ist die »Blue Mystery« vollendet. Punktlandung!

Info | gietl-bikes.de