Von einem, der in einem Lebensalter, in dem sich andere schon zur Ruhe setzen, sein Leben komplett umkrempelt, um fortan Custombikes zu bauen

Ralf Pichel feiert in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag. Als er 20 Jahre alt war, hat er aus Vernunftgründen mit dem Motorradfahren aufgehört. „Meine Frau war schwanger, wir erwarteten unser erstes Kind, da hieß es halt, vernünftig zu sein.“ In der Folge wuchs die Familie weiter, ein Haus wurde gebaut, er konzentrierte sich auf seine berufliche Laufbahn, doch vergessen hat Ralf Pichel seine Liebe zum Motorrad nie. Dreieinhalb Jahrzehnte schaute er sehnsüchtig jedem Motorradfahrer nach und wusste: „Irgendwann hast du wieder ein Motorrad!“

Ralf Pichel hat alle Oberflächen künstlich gealtert

Erstmal alles dranschrauben – dann alles wieder ab

Vor fünf Jahren war es dann so weit, Ralf schaffte sich eine Yamaha XV 1600 Wild Star an. Sofort packte ihn wieder die Lust am Schrauben. Anfangs überlud er den Japan-Cruiser mit allerlei Zubehör, danach übermannte ihn eine „Chop“-Phase, er baute so viel ab wie nur irgend möglich. Im zweiten Jahr seines wiedergewonnenen Zweiradlebens fing Ralf an, das Bike nach seinen eigenen Vorstellungen umzugestalten. Er ließ seinen Ideen und Einfällen freien Lauf, er wollte sich austoben; und der Umbauvirus schlug bei ihm voll zu.

Extrem geduckte Silhouette

Die Idee im Kopf später vor mir zu sehen …

„Bei mir ist der Weg das Ziel! Natürlich fahre ich auch sehr gerne, aber die Ideen, die ich im Kopf hab, später vor mir zu sehen, darauf kommt es mir an!“ Dabei kam ihm natürlich zugute, dass er aufgrund seiner beruflichen Ausbildung mit technischen Fertigungsprozessen wie Konstruieren, Schweißen, Drehen und Fräsen bestens vertraut war.

Handgemachte Messingcover

Schrauben ist mein Graceland

Beruflich war ich stets zielgerichtet orientiert, mit einer großen Portion Bindungsfähigkeit, jedoch immer dem Herzen folgend. Das Bike-Customizing hat mich innerhalb von zwei Jahren so sehr in den Bann gezogen, das ich beschloss, mich nach 20 Jahren aus der Eventbranche zurückzuziehen. Vor drei Jahren habe ich meine Eventagentur verkauft, ein Jahr später habe ich „Pichel Bikes“ gegründet. Seitdem ist meine Werkstatt mein Graceland!“

Zylinderkopfdeckel von EMD, bei Pichl Bikes noch kräftig “gealtert”

Einzigartiges mit Stil

Mittlerweile werde viele Umbauteile nach eigenen technischen Zeichnungen selber angefertigt. Pichel Bikes versteht sich als Motorradmanufaktur für Unikate sowie seltene und besondere Produkte. Die Firma produziert Motorräder, die den besonderen Charme alter Motorräder versprühen. „Einzigartiges mit Stil“ ist das Motto, Massenfertigung mit Katalogteilen kommt nicht in Frage.

Dünne Messingraupen an den Schweißnähten

Einen fremden Rahmen zu verwenden war keine Option

Zum hier gezeigten Bike: Basis war eine FLSTN aus dem Modelljahr 1995. Um bei dem Bike diese sehr flache und etwas nach vorne springende Linie zu erzielen, kam der Erbauer um einen erheblichen Rahmenumbau nicht herum, SSCycle-Chef Steve Schneiderbanger half ihm dabei. Einen fremden Rahmen zu verwenden, war keine Option. Einige Gespräche später mit Altmeister Steve lagen die Eckdaten auf dem Tisch: Lenkkopf um zirka 45 Millimeter abgesenkt, Verflachung des Lenkkopfwinkels von 30 auf 39 Grad. Dementsprechend wurde eine Springergabel in einer genau abgestimmten Länge verbaut. Die Anpassung des Hecks mittels verstellbarer Dämpfer war danach obligatorisch.

Geniale Taster von einem alten Morsegerät, Knöpfe einer alten Schreibmaschine

Mit echter Bronze lackiert

Was die Oberflächenbeschaffenheit angeht, hat sich Ralf Pichel seit einigen Umbauten der Metalllackierung verschrieben. Der Typ 03 ist mit echter Bronze lackiert. Ein sehr aufwändiger Prozess, der nach der eigentlichen Lackierung noch einige Tage Nacharbeit mit sich bringt. Das Ganze wurde dann noch mit Messingnähten und -applikationen versehen, der Customizer liebt es, wenn es den Anschein erweckt, als wäre der Rahmen mit Messing hartgelötet. Ebenso wurden alle metallischen Oberflächen einem aufwändigen „Alterungsprozess“ unterzogen. „So sehen Neuteile aus, als wären sie schon 80 Jahre am Bike verschraubt“, freut sich der Erbauer.

Harley Softail FLSTN mit 95er Evo-Motor … kaum wiederzuerkennen

Die gekapselten Scheibenbremsen sind der Hingucker

Nicht mehr ganz neu von der Idee her, aber immer wieder gerne gesehen sind die gekapselten Scheibenbremsen der Honda CBX 550 F aus der Mitte der 80er-Jahre. Ralf hat die stylischen Pseudo-Trommeln mit schmalen 19-Zoll-Felgen kombiniert, was dem Bike einen perfekten Old-School-Look verleiht. Eine supercoole Nummer sind auch die Taster am selbstgefertigten Lenker. Ralf erinnerte sich an die früher verwendeten Morsetaster und versah diese mit den Tastaturköpfen einer uralten Schreibmaschine.

Moderne Parts wo es Sinn macht

Dort, wo es sinnvoll ist, verwendet Ralf Pichel aber auch hochmoderne Parts. So spendet zum Beispiel eine federleichte moderne Lithium-Ionen-Batterie den Strom für den Anlasser (wer will, kann alternativ auch kicken), geblinkt wird mit Kellermann Atto und die Bordelektronik stammt von Jost. Der elektronische Tacho ist in die Lampe integriert, die geforderte Warnlämpchen-Armada ist durch eine einzige Multi-LED ersetzt, die verschiedene Farben anzeigen kann. Man sieht, Ralf Pichel ist nicht nur ein begeisterter Ältermacher von Metalloberflächen, er weiß auch, wo der Fahrzeugelektronik-Hammer hängt. Wir jedenfalls sind schon sehr gespannt, was er als nächstes aus dem Köcher zieht, für seine Limited Edition Typ 03 jedenfalls bekommt er von uns ganz altmodisch eine Eins, die Jüngeren unter uns würden ihm wohl 15 Punkte ins Zeugnis schreiben.

Der Sekundär wurde auf Kette umgestellt – lediglich das eloxierte Kettenrad sieht im Gesamtbild zu neu aus

 

Kontakt | www.pichelbikes.de