Im Dezember 2015 schlug Müller Motorcycle beim BBO in Bad Salzuflen mit der spektakulär gemachten Shovelhead namens „Deep Throat“ auf. Jetzt gibt es eine Art Doppelgänger

Wahnsinn, wie die Zeit vergeht. Es ist mittlerweile über fünf Jahre her, als ein guter Kumpel mit der Idee zu Fabian Müller kam, sich eine alte Shovelhead aufzubauen. Ein Starrrahmen aus den Fünfzigern sollte es sein, um den gängigen Normen wie Blinker oder den Regularien zum Auspuff entgehen zu können. Dazu zwei riesige Big-Spoke-Räder von TTS, alles sehr rudimentär, ohne großen Schnick-Schnack, das war die Vorstellung von Alexander Kessler.

Schon das Chassis war cool

1600 Kubik und nur ein Kickstarter … da weißte Bescheid!

Als dann das Chassis irgendwann auf der Hebebühne der Müllers stand, konnte man bereits erahnen, dass das eine coole Kiste wird. Und obwohl die Müller Motorcycle AG sonst ja eher auf die Teile-Entwicklung und -Produktion spezialisiert ist, kitzelte dieses Projekt in den Fingern aller Beteiligten.

Mit dem Bike zum Build-Off in Bad Salzuflen

Müller-Bremszange an hauseigener „Ritzelbremse“

So warf Fabian irgendwann die tollkühne Idee in den Raum: „Mensch, mit diesem Teil könnten wir doch glatt beim Biker Build-Off in Bad Salzuflen teilnehmen“. Gesagt, getan, doch irgendwann im Verlauf der Arbeiten an dem Bike hatte es sich Fabian in den Kopf gesetzt, dass ein Biker-Build-Off-Gerät unbedingt eine Lackierung braucht. Und so entschied man kurzerhand, nicht nur ein Bike, sondern zwei zu bauen. Für den BBO entstand die „Deep Throat, für besagten Kumpel der hier präsentierte „Hillbilly Racer“. 

Der Auspuff ballert gnadenlos

Der Name ist bei diesem Bike durchaus Programm. „Hillbilly“ beschreibt in etwa einen freien, unverbogenen Bürger, der in den Bergen lebt, nicht groß was zu sagen hat, sich so anzieht, wie er es vermag, spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, Whiskey trinkt, wenn er welchen schwarz gebrannt hat und nach Lust und Laune durch die Gegend ballert.“ Zwar ballert man heutzutage nicht mehr durch die Gegend wie damals im Wilden Westen, aber die Assoziation ist mit diesem Auspuff durchaus passend. Der besteht aufgrund der nicht vorhandenen Einschränkung durch die StVZO lediglich aus einer Krümmeranlage mit zwei dreidimensional gefrästen Blenden am Ende – sonst nichts. Den Sound, der bei so was herauskommt, kann sich jeder Harley-Begeisterte wahrscheinlich bestens ausmalen.

So geht schlank!

1600 Kubik und nur ein Kickstarter – da braucht man Cojones

Weniger mit Understatement hat der Motor zu tun. Der generalüberholte Shovelhead wurde auf 1.600 ccm aufgestockt und hat ordentlich Dampf. Der Knackpunkt: Da ein E-Starter an einem solchen Bike selbstverständlich ein totales No-Go ist, heißt es vor jeder Fahrt, den großen V2 erst einmal anzukicken. Gar kein so leichtes Unterfangen bei zwei Mal 800 Kubikzentimeter Hubraum.

Konsequent – schräg gerillte Messingelemente finden sich an etlichen Baugruppen

Alu, Messing und alles clean

Themenwechsel: Wie an der Vorgängerin „Deep Throat“, ist auch am Hillbilly Racer viel Messing verbaut. Die Rockerboxen aus Messing sind ebenso wie das Front- und Rücklicht eine Sonderanfertigung von Chopper-Kulture-Chef Mario Kyprianides. Den Lenker schweißte man aus einzelnen Plattensegmenten zusammen, verlegte die Elektronik sowie Gas- und Kupplungsansteuerung nach innen und presste das Ganze in eine nach unten gezogene Form. Das Cockpit ist absolut clean – eine Eigenschaft, die mit den Müller’schen innenliegenden Zügen auch für Serienmotorräder einfach umzusetzen ist. Selbst der Hebel für die Vorderbremse fehlt. Diese wird über ein Regelventil zusammen mit der Hinterradbremse über den rechten Fußhebel angesteuert. Apropos Fußhebel. Für diese hat sich Fabian Müller etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Erstmals verbaute er Alu und Messing zusammen in einem Teil. Anschließend wurden noch 3D-Rillen eingefräst und Griffe und Rasten aus massivem Messing montiert.

Serienteile Fehlanzeige

Sauber: Müllers Vielschicht-Lenker

Wer an diesem Bike ein Serienteil finden will, muss lange suchen, denn hier wurde fast alles in kleinster und feinster Handarbeit entworfen, angefertigt und angepasst. Auch der offene Belt-Antrieb, die Bremsen für Vorder- und Hinterrad, die Bremsscheiben, die Pushrod-Covers, der Nockenwellendeckel, das Primär-Cover, das Tachogehäuse und viele weitere kleine Highlights wie beispielsweise die Zündkerzenhalter sind made by Müller.

Weder Schnick-Schnack noch Komfort

Taugt wohl auch für lange Touren: Besitzer Alex schwörts!

Für die Blechteile war Sebastian Attenberger von Traditional Motors mit an Board, der auch die Blechteile der Deep Throat angefertigt hat. Aber alles einfach zu kopieren war keine Option. Der Tank der Hillbilly wurde etwas größer, der Öltank in den Heckfender verlegt, und der Sitz ist eine Spezialkonstruktion aus Federstahl, der beim Fahren federt und im Stand unten eingerastet werden kann. Sonderlich komfortabel sieht der Sitz auf den ersten Blick nicht gerade aus, doch Alex, der Besitzer des Bikes, schwört, dass er superbequem sei und auch lange Strecken kein Problem für ihn seien. Tja, hier zeigt sich eben, dass ein echter Hillbilly eben wirklich weder Schnick-Schnack noch Komfort braucht.

 

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