Sprüche wie „Diese Dinger fahren doch gar nicht“, oder „Die fahren doch alle nur die zweihundert Meter vom Trailer auf die Show-Fläche“ sind nicht selten – aber meist völliger Mumpitz. DREAM-MACHINES hat sich vom Gegenteil überzeugt und auf Mallorca einen Harley-Davidson Road-Glide Bagger unter die Lupe genommen.

Nur so viel vorweg: Dummes Zeug daherreden kann jeder, auch und vor allem derjenige, der keine Ahnung hat. Es kostet nichts und möglicherweise erntet man sogar aufmerksamen Respekt von Leuten, die noch ahnungsloser sind.

Rick´s Edition 1 neben einer originalen Serienversion

Die Rede ist von all den vielen Oraklern, die noch nie auf einem Vollblut-Custombike gesessen sind, aber unheimlich genau wissen, dass es nicht fahren kann.

Große Räder fahren auch

Von all diesen Vorbehalten zum Beispiel gegenüber großen Vorderrädern weiß auch Patrick Knörzer von Rick’s Motorcycles ein Liedchen zu singen. Und er weiß noch viel mehr.

Tolle Linie – so muss ein Bagger sein

Er weiß zum Beispiel, dass es eines großen Umbauaufwands bedarf, um ein 26-Zoll-Vorderrad tatsächlich ordentlich zum Laufen zu bringen. Rick ging technisch nicht den gleichen Weg, den seine Kollegen von Thunderbike gingen.

Der Harley geht´s an die Geometrie

Die verändern die Fahrwerksgeometrie mittels selbst entwickelter, sehr spezieller Gabelbrücken. In Baden-Baden geht man radikaler zu Werke. Dort wird der Lenkkopf abgeflext, der Oberzug verlängert und der Lenkkopf dann wieder in einem geheimen, penibel errechneten Winkel angeschweißt.

Trickreiche Geometrie: Obwohl die Gabelbeine der Rick’s-Glide viel flacher stehen als die der Seriengabel, wird durch die tiefgreifende Änderung am Lenkkopfwinkel fast der gleiche Nachlaufwert erreicht. Das bringt das gute Handling und die Fahrstabilität

Wir haben ein solchermaßen abgeändertes Fahrwerk in einem 30-Zoll-Bike schon mal im kurvenreichen Schwarzwald und Odenwald ausprobiert und waren höchst angetan von der Performance.

Harley-Davidson Road-Glide Edition 1

Im Kurvenparadies Mallorca konnten wir Rick’s Umbau fahren, die Road Glide Edition 1. Und da wir auch eine originale Serienversion vom deutschen Importeur dabei hatten, konnten wir die beiden wunderbar eins zu eins vergleichen.

Wobei man das nicht wirklich kann, denn die Rick’s-Road-Glide hat mit der Serie fast nichts mehr gemein. Der Motor ist zwar ein Twin Cam 103, aber selbst der ist neu gemappt und drückt dank der geänderten Gaswechsel-Peripherie 95 Pferde auf die Rolle.

Lang und tief

Viel wichtiger aber als der Motor sind das Rolling Chassis und die Custom-Aufbauten. Kaum ein Bauteil entspricht noch der Serie, tief geduckt und langgestreckt steht die Rick’s-Glide neben ihrer Serien-Schwester.

Böser Blick: Die Shark-Nose-Verkleidung ist Serie, die Scheibe aber gekürzt

Und es ist vor allen anderen eleganten Details das gewaltige 26-Zoll-Vorderrad mit den großen Bremsscheiben, das die Blicke jedes Betrachters in seinen Bann zieht. Und damit bloß keine Irritationen aufkommen: So, wie die Rick’s-Glide da steht, so fährt sie natürlich nicht.

Das Airride pumpt

Beim Parken werden die Airride-Dämpfer heruntergefahren, zum Fahren werden sie per Knopfdruck mit dem bordeigenen Kompressor dann wieder in eine definierte Lage hochgepumpt.

Uns hat es selbstredend brennend interessiert, wie sich das Teil fährt, denn Erfahrungen mit der Serien-Road-Glide hatten wir zu diesem Zeitpunkt schon reichlich gesammelt.

Der hauseigene Luftfilter bringt nachweisbar Mehrleistung

Von einem von Thunderbike für Custom Chrome Europe aufgebauten 26-
Zoll-Tourer wussten wir, dass die Haftungsreserven des Vee-Rubber-Vorderreifens bei artgerechter Fortbewegung voll in Ordnung gehen, in größerer Schräglage aber recht plötzlich die Haftgrenze auftritt.

Die Lieblingsstrecke muss her

Das ist dem extremen Niederquerschnittsverhältnis geschuldet, irgendwann hat man keinen Zentimeter Gummi mehr auf der Straße. Weil wir das wussten, hielten wir uns ein paar Grad von dieser Grenzsituation fern, hatten aber trotzdem eine Menge Spaß auf unserer Lieblingsstrecke, der total verrückten Berg-und-Tal-Bahn zwischen S’Horta und Felanitx.

Rauten auf der Sitzbank sehen klasse aus und sind deshalb gerade megahipp

Ohne Frage spürt man bei schnellem Umlegen das riesige Vorderrad, aber dessen erhöhte Kreiselkräfte halten sich vornehm zurück, das fluffige Handling konnte wirklich sehr positiv überraschen.

Harley-Davidson Road-Glide unterwegs in Sachen Komfort

Am gewöhnungsbedürftigsten war im Grunde die Sitzposition auf der Custom-Glide. Der Lenker ist ein Stück breiter als der der Serie, auch weiter vorne montiert und anders gekröpft. Die Sitzposition war dadurch sehr viel versammelter, auf dem Serienteil geht es etwas kommoder zu.

Man sitzt auf der Rick’s- Glide deutlich versammelter

Diesem Umstand soll aber hier keine allzu große Bedeutung beigemessen werden, denn solche ergonomischen Details lassen sich mittels Ummontage auf eine andere Lenkstange binnen dreißig Minuten ändern.

Da geht noch was

Aber auch beim Komfort brauchte es den Mann im Mann. Die Airride-Federelemente waren – zumindest während der Testfahrten – recht knackig abgestimmt, nach Aussage von Rick geht da aber in Sachen Komfort durch Feinabstimmung deutlich mehr.

Bei den Bremsen gab’s nichts zu meckern, vorne beißen die originalen Harley-Zangen in 13 Zoll große Rick’s-Scheiben, hinten geht es mit dem neuen elektronischen Bremskraftverteiler von Harley-Davidson eh ordentlich zur Sache.

 

 

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