Wer dachte, die neue Fat Bob wäre böse, hat die FXDR 114 noch nicht live gesehen. Alter Falter, was für ein komprossisloser Hammer!

Wie jetzt? FXDR?? Das Ding muss doch einen Namen haben; die haben doch alle Namen! Stimmt, die übrigen neun Softails haben Namen, die etwas bedeuten: Fat Boy, Street Bob, Deluxe, Heritage Classic et cetera … das sind nicht bloß Buchstabenkürzel. Nicht so bei der neuen FXDR. Hinter vorgehaltener Hand wird gemunkelt, dass der Name „Destroyer“ lange für die FXDR gehandelt, dann aber doch verworfen wurde. Gut so, denn Harleys „Destroyer“ war vor Jahren ein 165 PS starkes, waschechtes Dragster-Motorrad auf V-Rod-Basis, da hätte die Assoziation zu der Softail mit ihren 91 PS auch nach hinten losgehen können.

Schräglagenfreiheit auch bei ordentlicher Kurvenhatz – man kann´s schon im Stand erahnen

Aber nicht nur beim Namen geht Harley mit der FXDR neue Wege. Erstmals weicht man mit ihr von der namensgebenden Softail-Optik am Heck ab. Die Leichtmetall-Gussschwinge ist geformt wie eine normale Zweiarmschwinge, die bewusst angestrebte Verwechselungsgefahr mit einem Starrrahmen-Bike ist somit nicht mehr gegeben. Auch im Unsichtbaren gibt es eine Neuerung: Der Hilfsrahmen, der das Heck trägt, besteht erstmals bei einem Bike aus Milwaukee aus Aluminiumrohren. Gewichtsersparnis war der Grund für diese Details, obwohl, wirklich gelungen ist das nicht, denn immerhin bringt die FXDR 303 Kilogramm fahrfertig auf die Waage, die zwei Softail-Schwestern Street Bob und Low Rider jedenfalls sind leichter, trotz konventioneller Werkstoffe.

Haptik, Ergonomie, Sitzposition

Der Autor dieser Zeilen macht seinen Job schon ein paar Jährchen, genau genommen deren 20, und doch hat ihn die FXDR geflasht, als er sie zum ersten Mal live und in Farbe sah. Sie ist ein großes Motorrad, oder besser gesagt ein langgestrecktes, und ihre Erscheinung ist Ehrfurcht gebietend. Da haben die Designer vieles richtig gemacht, die FXDR nimmt den Betrachter für sich ein, so oder so, gleichgültig bleibt da keiner. Es gab innerhalb der Journalistenschar auch offene Ablehnung, meistens bezogen auf das etwas abrupt endende Heck und den unsäglichen „Bügel der Schande“, der das Kennzeichen und die sehr gewöhnungsbedürftig gestylte Blinker/Rücklicht-Einheit trägt. Dem schließen wir uns hiermit an. Umso mehr, weil sich der eng über das Hinterrad gespannte, geschlitzte Heckfender, was seine Schutzwirkung angeht, als völlig untauglich erwies. Wir hatten in Mazedonien das zweifelhafte Vergnügen, den Nassgrip der verbauten Michelin Scorcher wie auch den des griechischen Straßenbelags erkunden zu können. Das Ergebnis: Null Grip bei den Reifen, null Grip beim Straßenbelag, null Schutzwirkung des Heckfenders. Wir waren alle eingesaut bis hoch zu den Nacken, in meinem wasserabweisenden Rucksack stand danach Spritzwasser vom Hinterrad.

Die FXDR braucht einen erfahrenen Reiter, der ihr beibringt, wo es langgeht

An der Front und von der Seite dagegen gibt’s gar nichts zu meckern, die Upside-Down-Gabel sieht klasse aus, die Lenkereinheit und die Instrumente sehen tiptop aus, so stylisch war noch keine Harley. Und der viel diskutierte Luftfilter ist auch eine Wucht. Kein bisschen kleiner dürfte er sein, dieser Schnorchel ist ein Statement, er passt diesem Hooligan-Motorrad wie die Faust aufs Auge. Mehr Machismo geht nicht!

Saubere Lenkeranschellung und klasse Instrumenteneinheit

Gleichwohl wir uns die beiden Lenkerhälften einen Ticken mehr zum Fahrer hin orientiert wünschen würden. Wobei wir schon beim Thema Ergonomie wären. Wie oben schon erwähnt, ist die FXDR mit einem Radstand von 1735 Millimetern sehr lang geraten. Klein gewachsene Fahrer werden ihre liebe Mühe haben mit der sehr aufgespannten Sitzposition. Selbst größere Fahrer müssen weit nach vorne greifen, was in Tateinheit mit den vorverlegten Rasten eine recht versammelte, klappmesserartige Haltung verursacht. Der Oberkörper ist in jedem Fall leicht nach vorne gebeugt, langsames Fahren oder sehr weite Strecken werden so ziemlich anstrengend.

Auf der Bahn

Bei Geradeausfahrt ist die FXDR angenehm. Ab zirka 60 Sachen wird der Oberkörper vom Winddruck entlastet, dann ist alles fein. Auch bei sehr weiten Kurven gibt sich das Fahrwerk einigermaßen neutral, so kennt man das schon von der Breakout und den späten V-Rods. Sobald es aber in enge Wechselkurven geht, versteift sich das Bike, als wollte es sich gegen die Schräglage wehren. Der Fahrer muss deutliche Einlenkimpulse geben, weil die Fuhre sich ständig aufstellen will. Recht körperbetont zu fahren ist kein Fehler auf der FXDR. Schuld an der Widerspenstigkeit ist die vom Werk aufgezogene Bereifung. Die OEM-Breitreifen beweisen seit Jahren, dass mit ihnen nicht gut Kirschen essen ist. Eine Umbereifung auf ein anderes Fabrikat wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine deutliche Verbesserung des Handlings bewirken.

Ansaugrüssel mit ordentlich Machismo

Sehr positiv viel auf: Die FXDR kann Schräglage fahren. Nicht wie eine Duc oder eine KTM, aber für eine Softail geht da schon richtig was. Auch die Bremsen erwiesen sich als standfest und der Lage jederzeit gewachsen. Die Gabel arbeitet unauffällig und sauber, am Heck könnte etwas mehr Milde herrschen, denn das Federbein hat zwar mit 86 Millimetern keinen üppigen, aber durchaus ausreichenden Federweg, ist aber ganz schon straff abgestimmt. Schlaglöcher sollte der FXDR-Fahrer meiden, die Lendenwirbel werden es ihm danken.

Blinkerleiste, Haltebügel, gelochter Fender … fällt mehrheitlich durch

Als wir unter der einzigen schwarzen Regenwolke in ganz Nordgriechenland durchmussten und die Fahrbahn teilweise regelrecht schwamm, hätten wir uns angesichts der 160 Newtonmeter Drehmoment, die der fantastisch elastische Milwaukee-Eight zu drücken in der Lage ist, das elektronische Helferlein Traktionskontrolle gewünscht. Man arbeite daran, hieß es von Seiten der Entwickler, sei aber noch nicht so weit. Was das angeht, muss die Company jetzt Gas geben, denn zumindest, was verschiedene elektronisch wählbare Fahrmodi angeht, kann die Konkurrenz aus Minnesota schon jetzt liefern.

Der Look polarisiert: nicht unbedingt “everybodys darling”

Fazit

Die FXDR polarisiert. Und das ist gut so. Entweder man mag sie oder man kann sich gar nicht mit ihr anfreunden. Uns gefällt sie, auch wenn sie sich im Kurvengeläuf erwartet störrisch gibt, denn mit anderen Gummis lässt sich das ändern. Eine FXDR will gar nicht „everybodys darling“ sein, dazu ist sie viel zu kompromisslos, sowohl, was ihr kraftstrotzendes Design als auch ihre Street-Performance angeht. V-Rod-Fans müssen ab jetzt nicht mehr in Sack und Asche gehen, die FXDR ist eine absolut adäquate Alternative, die zwar einige Pferde weniger an Bord hat, dafür aber mit unverschämt wuchtigen 160 Newtonmeter Drehmoment wuchert. 25.155 Euro inklusive aller Nebenkosten kostet der Spaß, reichlich Aufmerksamkeit am Szenetreff oder an der Tanke inklusive.