Wenn ein Bike die hochtrabende Charakterisierung „mehrere Alleinstellungsmerkmale“ verdient hat, dann dieser auf den allerersten Blick recht brav wirkende Bobber. Doch der hat es an vielen Ecken wirklich faustdick hinter den gravierten Motor-Covern.

Es war kein leichtes Zusammenkommen. Calle Kunkel kontaktierte uns im Frühsommer 2018 per E-Mail und teilte uns mit, er sei der Bruder von Volker Kunkel, von dem wir schon das ein oder andere Custombike veröffentlicht haben. Direktes Kopfnicken unsererseits, Volker und seine selbstfahrende und -schraubende Frau Tanja hatten wir ein paar Jahre zuvor während der Mallorca Bike Week kennengelernt, unsere Ohren waren also gespitzt, denn das Pärchen baut cooles Zeug.

Die Zylinderköpfe und deren Kipphebelabdeckungen sind originale H-D-Teile. Das Thema der Gravuren geriet hübsch technisch

Calle berichtete, dass er mit Bruder Volker einen Bobber gebaut habe und legte mit Beispielbildern nach. Unser Daumen ging nach oben, bloß wie herankommen an das Bike, denn Calle wohnt – von uns aus gesehen – hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen, genauer im Südschwarzwald, aber auf der uns abgewandten östlichen Seite. Dann wurde es noch komplizierter, denn der Wahl-Badener verkündete, er werde jetzt erst einmal mit dem Bike auf Achse zum „Wheels and Waves“ nach Biarritz brummen. Danach haben wir eigentlich nichts mehr von ihm gehört, bis  Calle irgendwann wieder anklopfte und meinte, das Bike sei jetzt endgültig ausgereift. Na endlich, wir verabredeten uns postwendend zum Fotoshooting in Mannheim.

Eineiige Zwillinge ticken ja bekanntlich ziemlich gleich

Beim ersten Zusammentreffen in Mannheim gab’s dann noch einen kleinen Aha-Effekt, denn Calle kam mir irgendwie bekannt vor. „Sag mal“, sagte ich, „du gleichst deinem Bruder Volker irgendwie brutal!“ „Ja, kein Wunder“, war die Antwort, „wir sind Zwillingsbrüder.“ Das war dann also auch geklärt. Und tatsächlich konnte ich an dem ganzen Bike die stilis­tische Handschrift von Volker wiedererkennen. Eineiige Zwillinge ticken ja bekanntlich ziemlich gleich, somit ist es keine Überraschung, dass der Custombike-Geschmack der beiden Brüder sich stark ähnelt.

Calle machte schon etliche große Touren mit dem Bobber, beispielsweise zur H-D-Party nach Prag

Beim näheren Betrachten waren es dann die vielen kleinen Details und versteckten Gimmicks an Calles Bobber, die mich für das Bike eingenommen haben. Da ist zum Beispiel diese total cleane obere Gabelbrücke, in die blitzsauber ein winziges Instrument und ein paar vom Gesetzgeber geforderte Kontrollleuchten eingelassen sind. So clean kann das aber alles nur sein, weil die Burschen den Lenker (Achtung: Alleinstellungsmerkmal eins) doch tatsächlich um zirka hundert Grad gekippt vor die Gabelbrücke geschraubt haben.

Die Geberzylinder für Kupplung und Scheibenbremse sind sauber versteckt

Doch damit nicht genug, es folgt Alleinstellungsmerkmal zwei, denn die Geberzylinder für Kupplung und Scheibenbremse sind nicht zu sehen. Nur wenn man es weiß, kann man von außen erahnen, wo sie stecken. Calle und Volker haben die Hydraulikeinheiten in dem Raum zwischen den Gabelbrücken versteckt und das Ganze piekfein verkleidet. Im Zuge dessen entstand auch die Lampenmaske und die Verkleidung der Gabelholme in Eigenregie. Untenherum benutzten die Brüder die Tauchrohre einer Dyna Wide Glide, deren Innenleben sie aus technischen Gründen ändern mussten, Front- und Heckfender sind selbst gemacht.

Die hydraulischen Geber von Kupplung und Bremse wurden fein säuberlich im Zwischenraum der Gabelholme versteckt …

Zündschloss und Anlasserknopf sind jeweils rechts und links fast unsichtbar unter dem Solositz im Rahmen verbaut, eine im Primärkasten untergebrachte „m.unit blue“ von Motogadget sorgt dafür, dass die gesamte Elektrik im Lot arbeitet. Apropos Elektrik: Natürlich darf eine säuberlich
versteckte, aber dennoch gut zugängliche USB-Buchse nicht fehlen, und eine andere Buchse zum Batterieaufladen duckt sich hinten unterm Primärkasten unter einer wasserdichten Kappe. Der Benzintank einer Jawa 559 hat natürlich nicht auf den Harley-Rahmen gepasst. Der Tunnel musste entsprechend angepasst werden, bei der Gelegenheit wurde eine Tankanzeige und ein elektrischer Benzinhahn installiert.

Der Shovelhead wurde bis auf die letzte Schraube zerlegt

Zum Motor nur so viel: Das 1340 Kubikzentimeter große Aggregat wurde – das ist für Volker Ehrensache – komplett zerlegt bis auf die letzte Schraube und dann mit guten Brocken wiederaufgebaut: Die Kurbelwelle stammt von S&S, das Gehäuse von STD, Jims lieferte die Stößel. Die Zylinderkopfdeckel aber sind originale Harley-Teile. Die wurden poliert und anschließend graviert. Der hübsche, parallel verlegte 2-in-2-Fishtail-Auspuff aus Edelstahl ist ein Eigenbau der Kunkel-Twins. Dann wollen wir mal hoffen, dass es den Brüdern bald wieder zu langweilig wird an den langen Winterabenden, denn Material wie dieses würden wir gerne öfter präsentieren können.