Im Norden der Republik wird eine rares Harley-Davidson C-Modell gepflegt – und gefahren!

Kurt Bohlien aus Ammersbek weiß, was er will. In seiner kleinen aber feinen Sammlung befindet sich neben wunderschönen Nachkriegs V-Twins und einem gepflegten Evo-Bike auch dieser seltene Einzylinder aus dem Hause Harley-Davidson.

Im Norden der Republik wird ein seltenes Stück gehegt … und gefahren!

Ein seltenes Stück

Von dieser 32 C, einem 500 Kubikzentimeter großen Seitenventil-Single, dürfte es in Deutschland kaum eine Handvoll geben. Obwohl von diesen Maschinen in den Dreißigern größere Stückzahlen – als Konkurrenz zu den übermächtigen Brit-Bikes wie BSA Sloper oder Norton Model 18 – nach Europa exportiert wurden, sind kaum noch Überlebende auf dem Kontinent zu finden. Um so erstaunlicher, dass sich die Rarität von Kurt Bohlien in absolut originalem und obendrein fahrfertigen Zustand befindet.

Die Bremswirkung der vorderen Trommelbremse ist gleich null

Eine “Dreißig-Fünfziger”

Der Perfektionist hat die Fünfhunderter bei einer Dänemark-Reise entdeckt, und sofort war seine Liebe zu der außergewöhnlichen Maschine mit dem Spitznamen „30.50“ (sprich Dreißig-Fünfziger) entfacht. Diese Zahlenkombination bezeichnet den Hubraum der Maschine in Cubic-Inches – 30,5 cui sind 500 ccm. Das C-Modell hat den gleichen Rahmen wie die Zweizylinder 750er, was aber nicht heißt, daß es leicht wäre, Ersatzteile aufzutreiben. Aus diesem Grunde hat der Norddeutsche ein stattliches Teilelager angehäuft, so daß er sich bei den meisten Problemen selbst helfen kann. „Neben dem Schrauben und dem Fahren macht auch das Aufstöbern seltener Parts einen Riesenspaß“, berichtet Besitzer Bohlien.

Die 30.50 hat 10,5 PS und läuft knapp hundert Sachen

Nach jedem zehnten Tritt springt sie an

Als Ingenieur von Berufs wegen technisch interessiert, hatte er sich zur Aufgabe gemacht, den Veteranen in den originalen Zustand zu versetzen. Da das Motorrad allerdings auch fahren und per Kickstart vernünftig anspringen sollte, wich er in einem Detail vom kompromisslosen Serienzustand ab. Er legte den heiklen Schebler-Vergaser in die Vitrine und baute eine zeitgenössisch korrekte Linkert-Gasfabrik an, wodurch der Oldie jetzt auch tatsächlich nach etwa dem zehnten Tritt anspringt.

Sehr seltenes Stück: lediglich 213 Stück wurden 1932 gebaut

Tadelloser Originalzustand

Ansonsten befindet sich die 30.50er – wie gewünscht – in tadellosem Originalzustand, und versetzt den Betrachter weit zurück in die Frühzeit der Motorisierung. Zum Glück hatte das 1932er-Modell von Hause aus eine Trommelbremse im Vorderrad. Noch zwei Jahre zuvor wurden die 30.50er lediglich mit der hinteren Außenbackenbremse ausgeliefert, denn eine Bremse im Vorderrad hielt man für zu gefährlich auf den vielen Straßen mit losem Untergrund. Und die Hinterradbremse verdient den Namen Bremse nun wirklich nicht. Allerdings ist auch unter engagiertem Einsatz der vorderen Trommel Zurückhaltung angebracht. Bohlien scherzt: „Die Bremswirkung ist gleich Null …“.

Der ungeliebte Doppelrohrauspuff machte das Motorrad zu leise

Ein Pianist an Schaltern und Hebeln

Für Kurt Bohlien ist der Umgang mit dem Relikt jedenfalls in Fleisch und Blut übergegangen. Gekonnt bedient er das handgeschaltete Dreigang-Getriebe und zaubert – einem Pianisten gleich – an den Gas-, Luft- und Zündhebeln. Hier liegt der Reiz ganz eindeutig nicht in der dynamischen Fortbewegung, sondern im Besiegen der Tücken der alten Technik. Daumen hoch, Herr Bohlien!