Nach 18 Jahren Bauzeit überarbeitet Harley-Davidson die Evo Sportster zum Modelljahr 2004 umfassend. Der V2 ist nun in Gummi gelagert …
2004 überarbeitet Harley-Davidson den Evo-Sportster-Motor gründlich. Dank erhöhter Kompression, High-Flow-Zylinderköpfen und sportlicher ausgelegten Nockenwellen geht sie druckvoller und drehfreudiger zu Werke als je zuvor. Der Rahmen wird verstärkt und das Triebwerk über Gummilager verschraubt. Und endlich verschwindet das hässliche Interferenzrohr, das gerne auch als Handtuchhalter verspottet wird. Durch eine neue Auspuffhalterung mit integrierter Interferenzrohrverbindung der beiden Endtöpfe bleibt der „Abgas-Rückstau-Optimierer“ fortan unsichtbar.
Die gummigelagerte Evo Sportster agiert deutlich komfortabler
Diese Silentblöcke, in denen der aufgefrischte Evolution nun gelagert ist, schlucken einen Großteil der „störenden Motorvibrationen“, sagt die Company und spaltet mal wieder die Kundschaft. Während die einen den Verlust an mechanischer Urwüchsigkeit bedauern, freuen sich die anderen über den beträchtlichen Komfortgewinn. In der Tat verändert die Sportster durch die vibrationshemmende Motorlagerung und die innermotorischen Optimierungen des Triebwerks ihren Charakter erheblich.

Weichgespülter Mainstream? Ja, mit einer Sportster ab Modelljahrgang 2004 wird auch ein Honda-Shadow-Fahrer glücklich. Ein Ironhead-Rider wähnt sich dagegen im falschen Film. Doch trotz des Verlustes an guten wie schlechten Vibrationen bleibt das vielbeschworene Harley-Feeling nicht auf der Strecke. Es fühlt sich auch gummigelagert noch um einiges urtümlicher an als ausgleichsgewelltes Fernostmaterial mit Hubzapfenversatz.
Mehr Leistung und Drehmoment, aber auch deutlich mehr Gewicht
Wie auch immer: Die neue Motorengeneration erweist sich als extrem robust und überzeugt auch Harley-Novizen durch ihre unkapriziösen Manieren und uneingeschränkte Langstreckentauglichkeit. Die Fachpresse ist begeistert, weil Harley-Motorräder neuerdings auch in ihren Punktebewertungssystemen bestehen können. Und dass die Company mit ihrem Kurs richtig liegt, beweisen die Kunden: 2004 laufen erstmals knapp 70.000 Sportster von den Bändern.

Die Leistung der 883er-Version ist auf dem Papier quasi gleich geblieben: Zwei Newtonmeter mehr Drehmoment und statt 53 jetzt 54 PS. Der 1200er legte etwas deutlicher von 86 auf 93 Nm sowie 66 statt 61 PS zu. Dennoch hat vor allem die kleinere Version an Souveränität gewonnen und wirkt nicht mehr so angestrengt wie zuvor. Unterm Strich wird die Mehrleistung jedoch durch eine stattliche Gewichtszunahme aufgezehrt: Die neuen XLs wiegen allesamt 20 bis 30 kg mehr als die „Pre-Rubber“-Modelle.
Ab Modelljahr 2007 ist die Vergaser-Ära bei Harley Geschichte
Im Modelljahr 2005 bereichert die neue 883 Low die Baureihe. Wie früher bei der „Hugger“ ist ihre Sitzhöhe mit Hilfe verkürzter Federelemente um drei Zentimeter tiefergelegt, was allerdings auch ein früheres Aufsetzen der Maschine schon bei moderaten Kurvenradien bewirkt. Die jährliche Modellpflege beschränkt sich auf eine verstärkte Hinterradachse, eine geänderte Schwinge samt Lagerung sowie eine modifizierte Aufnahme des Bremssattels.

Eine weitere größere größere Überarbeitung gibt es für das Modelljahr 2007: Mit der Umstellung der Sportster-Baureihe auf Einspritzung ist die Vergaser-Ära bei Harley-Davidson endgültig Geschichte. Die 883er-Modelle profitieren überdies von leicht angeschärften Nockenwellen, die in Verbindung mit der Einspritzung für ein Plus an Drehmoment sorgen. Die ohnehin sehr sparsamen Evolution-Aggregate lassen sich nun mühelos unter fünf Liter auf 100 Kilometer bewegen.
2008 erscheint die erste Sportster im Dark-Custom-Look
Zu den zahlreichen Bauteilen, die an den Motoren optimiert werden, zählen eine stärkere Lichtmaschine, eine kräftigere Ölpumpe und neue Zylinderkopfdeckel mit optimierten Dichtflächen. Weiterhin werden die Handkräfte für Kupplung und Bremse deutlich reduziert und alle Sportys besitzen nun ein Keyless-Security-System, das selbstständig die Alarmanlage aktiviert, sobald der Fahrer sich vom Motorrad entfernt.

2008 erscheint mit der 1200er Nightster die erste Sportster im sogenannten Dark-Custom-Look. Mit ihrem düsteren Erscheinungsbild, klassischen Drahtspeichenrädern und den nostalgischen Faltenbälgen an der Gabel trifft sie voll ins Schwarze. Kein Wunder, dass die Company 2009 mit der 883 Iron eine nicht minder erfolgreiche Einstiegsversion nach gleichem Strickmuster nachschiebt.
Endlich gibt es eine wirklich sportliche Sportster von der Stange
Im gleichen Jahr erfüllt Milwaukee schließlich vielen Sportster-Fans einen Herzenswunsch und bringt die XR 1200 auf europäische Straßen. Endlich gibt es eine wirklich sportliche Sportster von der Stange, die überdies eine perfekte Basis für authentische XR-Streetbike-Customs bietet. Das etwas barock geratene Heck und das uninspiriert wirkende Auspuffdesign schreien geradezu nach Umbau.

Dennoch, die Basis ist erste Sahne: Feurige 90 Pferdestärken, bissige Bremsen und ein Fahrwerk, mit dem auch ambitionierte Angaser glücklich werden. Noch glücklicher werden sie freilich mit der im Modelljahrgang 2010 eingeführten XR 1200X, die neben ihrem rabenschwarzen Gewand auch über voll einstellbare Federelemente, feiner dosierbare Bremsen und mehr Schräglagenfreiheit verfügt.
Die Forty-Eight ist zwar bildschön, aber bretthart und Kurvenunwillig
Ebenfalls 2010 feierte die wohl schönste Serien-Sportster aller Zeiten Premiere, die herrlich gedrungene Forty-Eight. Ihren Namen verdankt sie dem charakteristischen Peanut-Tank, der 1948 eingeführt wurde und hier in einer minimalistischen Version optische Akzente setzt. Das Tankvolumen von lediglich 7,95 Litern sorgt dafür, dass bereits nach knapp 100 Kilometern die Reserveleuchte aufflammt. Dem Fahrer kann das nur recht sein, denn diese Sportster federt knochenhart und gibt sich bemerkenswert kurvenunwillig und störrisch.

Das hat zwei Ursachen: Die Federwege sind mit 92 Millimeter vorn und 54 Millimeter hinten brutal kurz und die 16“-Ballonbereifung von Dunlop ist bleischwer, die Reifenaufstandsfläche vergleichsweise groß. Wir haben die Dunlops gegen Metzeler Marathon 880 getauscht, die deutlich leichter sind und obendrein eine rundere Laufflächenkontur besitzen. Ergebnis: Die 48 fährt sich wie verwandelt, lenkt willig ein und will in Schräglage nicht mehr nach innen wegkippen. Die enttäuschend geringe Schräglagenfreiheit ist natürlich geblieben …
Mit der 883 SuperLow lässt sich um die Kurven fliegen
Doch bei der Forty-Eight zählen ohnehin andere Dinge. Der authentische Bobber-Look mit fetten Speichenrädern, knapp geschnittenem Solosattel, den unterhalb des Lenkers liegenden Spiegeln und dem bereits erwähnten Mini-Tank sind so hinreißend schön arrangiert, dass man ihr ihre Schwächen gerne nachsieht.

Den deutlich stimmigeren Fahreindruck vermittelt die ebenfalls 2010 präsentierte 883 SuperLow. Durch die eigens für dieses Modell veränderte Rahmengeometrie wurde das magische Dreieck aus Nachlauf, Gabel- und Lenkkopfwinkel auf maximale Handlichkeit getrimmt. So geht die SuperLow wie von selbst um Kurven und Kehren und ermöglicht dank ihrer niedrigen Sitzhöhe von 600 Millimetern auch kleineren Personen unbeschwertes Harley-Feeling.
H-D1-Customization – Sportster-Konfiguration am Computer
Ab 2011 ist die gründlich überarbeitete 1200er-Custom mit extrabreitem Frontend im Angebot, die statt des bisherigen 21“- nun ein 16“-Vorderrad mit Ballonbereifung trägt. Mit diesem Modell führte die Company das „H-D1-Customization-Programm“ ein, womit sich werksseitig allein 2.600 Varianten der 1200er-Custom individuell konfigurieren ließen. Ob Räder, Sitze, Lenker, Fußrasten, Lackierung oder Motor-Finish – alles konnte man nach eigenen Wünschen am heimischen Computer zusammenstellen und wurde quasi in Echtzeit entsprechend dargestellt. Diese Möglichkeit bestand allerdings nur in Nordamerika, auf den europäischen Harley-Websites lief nur eine abgespeckte Version.

Mit der im Sommer 2012 präsentierten Seventy-Two bringt Harley eine 1200er-Sportster im 70er Jahre Chopper-Look – mit Mini-Apehanger, dem kleinen Peanut-Tank der Forty-Eight, vorverlegter Fußrastenanlage und optionaler Metalflake-Lackierung. Passend dazu werden Weißwandreifen auf einem 21-Zoll-Vorderrad und einem kleinen 16-Zöller im Heck kombiniert. Für eine möglichst aufgeräumte Optik werden die Kabel durch den Lenker verlegt.
Der kleine Sportster-Chopper „Seventy-Two“ floppte leider
Ehrensache, dass auch mit dem Einsatz von Chrom nicht gegeizt wird: Fenderstruts, Drahtspeichenräder, die klassisch runde Luftfilterabdeckung, Motordeckel und Rockerboxen funkeln um die Wette, während die schwarzen, pulverbeschichteten Zylinderköpfe und Zylinder einen prägnanten Kontrast dazu bilden.

Im letzten Teil unserer Sportster-Historie widmen wir uns dann den Modellen ab Modelljahr 2014 bis zum Produktionsende der Baureihe Ende 2022. Wobei die luftgekühlten Sportster in Europa im Zuge der Einführung der Euro-5-Norm bereits 2021 nicht mehr neu zugelassen werden konnten.
Familie der Evolution-Sportster 2004 – 2013
- 2004 XL 1200R – Sportster 1200 Roadster
- 2006 XL883L – Sportster Low
- 2008 XL 1200N – Nightster
- 2008 XR 1200
- 2009 XL 883N – Iron 883
- 2010 XL 1200X – Forty-Eight
- 2010 XR 1200X
- 2010 XL 883L – SuperLow
- 2012 XL 1200V – Seventy-Two
- 2013 XL 1200CA/CB – Sportster 1200 Custom





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