La Rata“, zu deutsch: die Ratte, hat der Erbauer dieses wunderbaren Bikes sein Werk genannt. Ein erstaunlicher Eigenbau, und der Name passt eigentlich gar nicht dazu …

Außer Motor, Getriebe und den Rädern samt Bremsen ist das komplette Rolling Chassis inklusive der meisten An- bauteile in der kleinen Sattlerei im kanadi­schen Städtchen Acton entstanden

Wir trafen Julio Mena und seinen besten Kumpel Daniel Toscano vor ein paar Jahren während der Bike Week in Daytona. Die beiden trieben sich im Limpnickie Lot herum, dem Ort, an dem die megacoolen Karren zu finden sind und die noch um Vieles cooleren Typen abhängen. Yeaaah, brother … Julio allerdings passt da gar nicht so sehr hinein in diese Szene, in der die dauerbekiffte „new builders generation“ vor lauter Coolness gar nicht mehr aufrecht laufen kann.

Versehrtenfahrzeug mit reichlich guten Details

Ein erstaunlicher Eigenbau

Julio ist vielmehr ein stiller, bescheidener Typ. Ursprünglich kommt er, wie seine Kumpel Daniel auch, aus Uruquay. Beide sind schon vor langer Zeit aus ihrer Ex-Heimat ausgewandert und leben in der kanadischen Provinz in einer 8.000-Seelen-Gemeinde im Bundesstaat Ontario. Sein Geld verdient Julio mit der Maßanfertigung von Custom-Sitzen für Bikes.

Mit Sitzen wie diesem verdient der Uruguayer Julio sein Geld. Die Sitzauf- hängung sind zwei einlagige Blattfedern

Das hier präsentierte Bike hat er für sich selbst gebaut, und es wirft einen schier um, sobald man sich klar macht, wie tief ins Detail der Mann dabei ging. Alles aufzuzählen, was der so bescheiden auftretende, nette Kerl selbst gebaut hat, wäre zu viel des Guten. Nur soviel: Außer Motor, Getriebe und den Rädern samt Bremsen ist das komplette Rolling Chassis inklusive der meisten Anbauteile in der kleinen Sattlerei im kanadischen Städtchen Acton entstanden.

Angesichts dieser handwerklichen Leistungen war das übri­ge Bodywork, eine Übung zum Warmmachen für ihn

Eigenbau-Rahmen … und das Bodywork gleich dazu

Es ist schon selten genug, dass sich ein Mensch wegen eines einzigen Bikes die Mühe macht, einen eigenen Rahmen zu konstruieren. Aber Julio ging noch viel weiter. Er hätte es sich ja viel bequemer machen können, aber auch die Gabel konstruierte er auf seiner Werkbank; angesichts dieser handwerklichen Leistungen war das übrige Bodywork, etwa die Tanks, die Fender und selbstredend auch der kurios aufgehängte, kompliziert gefederte Sitz eher schon eine Übung zum Warmmachen für ihn.

Ziemlich schräger Platz: Das Zündschloss sitzt unmittelbar vor dem Kupplungskorb

Awesome!

Obwohl schon die Gesamterscheinung des Bikes den Betrachter sofort für sich einnimmt, sind es vor allem die vielen kuriosen Details, die reichlich Aha-Effekte hervorrufen. Sei es die Federmechanik der geschobenen Schwingengabel, die Umlenkung des Gasgriffsignals mittels zweier Winkelzahnrädchen aus Messing, die selbst gefertigten, außen angelenkten Handhebel oder der selbst gestrickte hydraulische Betätigungsmechanismus der Kupplung – der Ami würde bewundernd ausrufen: Awesome!

Das rechte Trittbrett ist auch Bremspedal

Eigenbau kurios

Doch genauso kurios wie seine Ideen, wenn es um selbstgebaute Parts geht, ist offenbar auch die Lebenseinstellung des gebürtigen Südamerikaners. Das an der „La Rata“ verbaute Luftfiltergehäuse hat nämlich seine eigene, äußerst abgefahrene Geschichte. Früher war dieses nämlich an einer Ex-Harley Julios Bestandteil eines offen laufenden Primärtriebs. Eines Tages auf einer Kreuzung stehend, übersah ihn eine Autofahrerin und es war genau dieses Primärtriebszahnrad und die Stoßstange des gegnerischen Autos, die Julio final von seinem linken Unterschenkel trennten.

Nix Katalog!: Alles auf diesem Bild ist in Handarbeit und nacheigenen Ideen entstanden

Nerven wie Drahtseile

Oh Mann, der Typ muss Nerven haben wie Drahtseile; niemals hätte der Autor dieser Zeilen sich solch ein Unglücksteil wieder an eine Karre geschraubt. Julio hingegen erzählte uns lächelnd und bar jeden Grolls diese Story, mit dem Hinweis, schließlich wäre dieses Riemenrad ja durch die Geschehnisse ein besonderes Bauteil geworden, das sein körperliches Schicksal inbesonderer Weise mit geprägt hätte.

Die Verkleidung des Luftfilters war mal ein Primärzahnrad, das in Julios Leben eine große Rolle spielt

Sie merken schon: Dies ist ein ganz besonderes Bike, gebaut von einem besonderen Menschen. Wir wissen nicht, ob es an seiner südamerikanischen Herkunft liegt oder an seiner Wahlheimat Ontario, dass Julio so extrem relaxt ist. Sympathisch ist das trotzdem über die Maßen!

Nicht zu erkennen: Julio fehlt der linke Unterschenkel

 

 

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