Dieser Buell-Umbau ist so etwas wie ein gewaltiger Fußabdruck, mit dem der junge Italiener Raffaele Gallo in der hiesigen Custom-Szene aufschlagen will. Was ihm zweifellos gelingt, denn seine Arbeit ist atemberaubend

Doch der Reihe nach: Raffaele wurde in Agropoli geboren, einer kleinen Stadt rund 100 Kilometer südlich von Neapel. Schon in früher Kindheit interessierten ihn besonders die Kunst, die Musik und die Technik. Bereits mit 13 Jahren übte er sich geschickt als Mechaniker in seiner kleinen Hauswerkstatt, in der er Scooter für seine Freunde reparierte und modifizierte.

Von der M2 Cyclone blieben nur wenige Baugruppen erhalten – etwa der Rohrrahmen bis zum hinteren Zylinderkopf

Vom Vermessungstechniker zum Motorradschrauber

Später erlernte er den Beruf des Vermessungstechnikers. Seine Freizeit widmete er in dieser Zeit weiterhin hauptsächlich den beiden großen M’s in seinem Leben – Motoren und Musik. Seine Leidenschaft für die Musik lebte er aus, indem er seine eigene Musikgruppe gründete. Nachdem er seine berufliche Ausbildung im Alter von 20 Jahren abgeschlossen hatte, widmete er sich hauptsächlich der Musik und seiner Band. In seiner Freizeit arbeitete er in verschiedenen Motorradwerkstätten in seinem Heimatort und erlernte dort das Schrauberhandwerk.

Die gute Nachricht: Raffaele bleibt am Ball und baut weiter

Erfolg als Customizer

Irgendwann gab es Trouble mit der Plattenfirma, mit der er zusammenarbeitete, sodass er im Jahr 2009 beschloss, den Weg des Profi-Musikers nicht weiter zu verfolgen und sich stattdessen seiner zweiten, nicht weniger großen Leidenschaft zu widmen: den Motorrädern.

Er eröffnete eine kleine Werkstatt und brachte sich alles notwendige Wissen autodidaktisch durch das Lesen unterschiedlicher Bücher über Design, Bau und Umbau von Motorrädern bei. Bald arbeitete er für Kunden an verschiedenen Motorradmarken und -typen und nahm an Custom-Wettbewerben in Rom und Neapel teil, wo er auch regelmäßig für seine Umbauarbeiten Pokale erhielt. Doch das war Raffaele nicht genug. Das füllte ihn nicht aus, irgendwie fühlte er sich vom Leben in seinen Plänen ausgebremst. Doch er wusste genau, was er wollte und suchte weiter nach einem Weg, seinen Traum zu verwirklichen.

Retro-Uhr im stylischen Dashboard

Von Italien nach Deutschland

Im Jahr 2016 schien das endlich zu klappen. Raffaele ließ seine süditalienische Heimat hinter sich und zog um nach Deutschland. Hier arbeitete er vormittags in der Biogasfirma seines Schwagers, nachmittags in einer Motorradwerkstatt. Sein Schwager überließ ihm ein altes Lagerhaus, aus dem sich Raffaele während sieben Monaten eine Werkstatt baute.

Im Tank ist oben ein Sichtfenster, durch das man den Sprit sieht

Nach vorne schreiten – Avanzata

Als ich anfing, über das kommende Projekt nachzudenken, hatte ich eine klare Idee: Ich wollte einen Café Racer mit einfachen Linien, inspiriert von den alten britischen Motorrädern der 60er Jahre, aber mit einem rebellischeren Charakter. Italienisches Design und moderne Eleganz sollten mit einem Hauch Old School gepaart sein.“ Als Basis wählte er eine Buell M2 aus dem Modelljahr 2000 und begann mit dem Rahmen, indem er ihn komplett umgestaltete. Die Absicht dahinter war, dem Motorrad ein dynamisches und sportliches Aussehen zu verleihen, das selbst, während es still steht, den Eindruck vermittelt, in Bewegung zu sein. Diese Aufgabe war nicht einfach, da 80 Prozent des Rohrrahmens komplett erneuert werden musste. Der Tank und der Rest der Karosserie wurden dann an die Linien des Rahmens angepasst. „In meinen Gedanken dachte ich an eine „Avanzata“ (das bedeutet im Italienischen: nach vorne schreiten), so, als befände sich das Motorrad in einem Kampf, um Land zu erobern. So entstand der Name des Motorrads: „Avanzata“.

Der Fußabweiser hält ebendiesen von Kette und Ritzel fern

Schlichtheit ohne Banalität

Der Tank und der Rest der Karosserie bestehen aus handgedengeltem Aluminiumblechen. Einfache Linien dominieren, doch sie sind gleichzeitig voller Details, die die Linie vervollkommnen. Raffaele wollte Schlichtheit, ohne banal zu sein, dabei gelang ihm ein dreidimensionales Kunstwerk. In den Seitenteilen des Tanks zum Beispiel verbergen sich zwei Lüftungsöffnungen, die an die Kiemen eines Hais erinnern. Die Kappe des Tanks wurde per CNC-Technik entworfen und gefertigt. Auf der Oberseite befindet sich eine analoge Uhr, die ein bisschen Retro-Charme erzeugt. Im Tank selbst befindet sich eine zweite Kammer, die die Benzinmenge durch ein Glas anzeigt.
Die Scheinwerferverkleidung besteht aus vier Teilen. Sie wird von einem kleinen Aluminiumrahmen getragen und verbirgt den Öltank, der an der Seite der Verkleidung positioniert ist. Es ist keine einzige Schraube sichtbar, die die Komponenten trägt.

Die Avanzeta hinterläßt einen gewaltigen Fußabdruck in der Custom-Szene

Breite Schwingen und italieneische Edelware

Die Batterie und einige Bauteile der Elektrik sind im Heck versteckt. Die Hauptelektrik ist unsichtbar in einem Kasten unterm Tank versteckt, sämtliche Leitungen sind durch den Rahmen verlegt. Die Schwinge machte Raffaele breiter, um einen 240er-Reifen montieren zu können. Das Vorderrad von OZ wird von einer wuchtigen Upside-Down-Gabel von Marzocchi geführt, und auch bei den Bremsen kommt in Gestalt von Brembo-Zangen der „Gold Serie“ italienische Edelware zur Verwendung.

Der Anlasserknopf auf der Gabelbrücke

Sichtbares Aluminium

Der Kennzeichenhalter greift in Material und Machart das Design desjenigen Hilfsrahmens auf, der den Scheinwerfer und die Frontscheibe hält. Am Ende war Raffaele dann noch ziemlich unschlüssig, ob er den Lackteile Farbe geben oder ob er sie in Aluminium natur belassen sollte. Doch weil es in den letzten Jahren groß in Mode war, Aluminium sichtbar zu lassen, hat er sich entschlossen, die Flächen zu lackieren.

Kongenialer Verkleidungshalter

Uragani – der Hurrican

Wir von DREAM-MACHINES haben selten solch ein innovativ gestyltes, hochmodernes, ultraelegantes Bike-Design gesehen. Das lässt auf mehr hoffen, und die gute Nachricht lautet: Raffaele wird weitermachen. „Uragani (zu deutsch Hurrikan) ist meine Marke – mein Leben in einem einzigen Wort. Ich habe einen Traum, den ich hier in Deutschland verwirklichen möchte, ich habe viele Ideen. Mein Ziel ist es, eine professionelle Werkstatt zu eröffnen, in der ich meine Leidenschaft ausleben kann. Ich arbeite bereits an einem Projekt, an einem Motorrad, das ich in Serie produzieren möchte. Und es wäre toll, Gleichgesinnte zu finden, die mich unterstützen können und mir helfen, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen.“

Wir jedenfalls wünschen dem Jungunternehmer viel Erfolg.

Selbst ein Hauptbremszylinder kann gut aussehen

 

Kontakt | info@officineuragani.com